Wie betrifft Religion Schule? Überlegungen zum Beginn des Schuljahres

Zum Beginn des neuen Schuljahres fragen Andrea Lehner-Hartmann, Karin Peter und Helena Stockinger, wie Religion eigentlich Schule betrifft und welche Möglichkeiten sie sehen, Religion produktiv im Schulleben thematisieren.

Der Beginn eines neuen Schuljahres birgt wie jeder Neuanfang sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Für das kommende Schuljahr stehen grundlegende Überlegungen und Entscheidungen an, die in der Realität oftmals durch administrative Aufgaben oder Personalfragen überlagert werden, aber dennoch nicht auszuklammern sind: Wie soll sich die Schulgemeinschaft und jede:r Einzelne in ihr entwickeln? Welche Akzente sollen gesetzt werden? Was können die Einzelnen in diesem Jahr einbringen – und im Optimalfall am Ende des Jahres mitnehmen?

Welche Rolle spielt Religion in der Schule?

Grundsätzliche Überlegungen zu Entwicklungen von Schule und den Mitgliedern in ihr manifestieren sich in konkreten Plänen für das Schuljahr. Sie umfassen sowohl inhaltliche und organisatorische Komponenten als auch die Festlegung und Adaptierung von Regeln für das Zusammenleben in der Schule. In diese prinzipiellen Überlegungen ist auch die Dimension ‚Religion in der Schulgemeinschaft‘ zu integrieren. Obwohl öffentliche Schulen als säkulare Räume zu verstehen sind, bleiben religiöse und weltanschauliche Haltungen und Überzeugungen der einzelnen Mitglieder der Schulgemeinschaft im Schulleben präsent (Willems 2020, 9–21). Schulen kommt – so sie sich nicht von ihrem umfassenden Bildungsauftrag dispensieren wollen – auch die Aufgabe zu, religiöse und weltanschauliche Einstellungen in ihren pluralen Ausprägungen zu berücksichtigen und eine reflektierte Auseinandersetzung mit diesen anzuleiten und zu fördern.

Religion betrifft Schule – exemplarische Themenfelder

Der Schuljahresbeginn bietet sich dafür an, die Aufmerksamkeit für die religiöse und weltanschauliche Vielfalt im Schulleben zu schärfen, den generellen Umgang mit Religion an der Schule zu klären und zu kommunizieren. In der Folge wird dies an vier exemplarischen Themenbereichen skizziert.

Essen und Trinken

Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch ein Lebensraum für alle Mitglieder der Schulgemeinschaft. Dies umfasst die Berücksichtigung der leiblichen und sozialen Dimension, was besonders in der Frage um Essen und Trinken in Gemeinschaft und in ansprechender räumlicher Umgebung virulent wird. Wird diese Dimension nicht bedacht, zeigt sich dies beispielsweise in lieblos gestalteten Räumlichkeiten oder in Angeboten, die keine Rücksicht auf unterschiedliche Bedürfnisse nehmen, die sich aus gesundheitlichen Notwendigkeiten (Unverträglichkeiten, Allergien, etc.), religiösen Gründen oder persönlichen Wünschen ergeben können. Rücksichtnahme im Bereich des Möglichen signalisiert betroffenen Personen, dass sie ernst genommen werden. Pragmatische Regelungen bieten sich an, um Ausgrenzungen und Schwierigkeiten zu vermeiden. Das Angebot von Speisen ohne Schweinefleisch oder alternatives vegetarisches und veganes Essen ermöglichen beispielsweise jüdischen und muslimischen Gläubigen eine aus religiösen Gründen meist schon bedenkenlose Teilnahme am gemeinsamen Essen in der Schule. Wenn es auch nicht möglich sein wird, alle individuellen Essenswünsche in den angebotenen Speisen zu berücksichtigen, kann die Schule jedenfalls gewährleisten, dass ein von Schüler:innen mitgebrachtes Essen im Klassenzimmer oder in ausgewiesenen (Pausen-)Räumen gemeinsam mit anderen verspeist werden kann.

Im Sinne einer Konfliktminimierung und als Beitrag zu sozialem Zusammenhalt könnte es sich lohnen, die kulinarischen Angebote der Schule offen zu thematisieren und Schüler:innen bzw. deren Eltern die Gelegenheit zu geben, medizinisch und religiös begründete Wünsche zu artikulieren, sodass praktikable Regelungen gefunden werden können.

Symbole bzw. Kleidung

In den Schulen sind unterschiedliche Symbole präsent, unter anderem weltanschaulich und religiös geprägte oder gedeutete. Eine Unterscheidung zwischen kulturellen und religiösen Symbolen ist selten möglich, da diese nicht nur aus einer Außen-, sondern auch aus einer Binnenperspektive in unterschiedlicher Weise vorgenommen werden. Wie alle Symbole sind religiöse Symbole vieldeutig und schwer zu fassen, sodass keine isolierte rationale Interpretation ihre Bedeutung auszuschöpfen vermag (Tillich 1986, 6–12; Dupré 2007, 15–21). (Religiöse) Symbole, die von Gruppen geteilt werden, sichern Zugehörigkeit und stiften Identität, können gleichzeitig aber ausgrenzen (Zimmermann 2015, 4–5). Auch Machtverhältnisse werden über sie verhandelt.

Im Schulkontext ist mit dem Kreuz im Klassenzimmer ein religiöses Zeichen präsent, das gerade im medialen Diskurs kontrovers verhandelt wird. Dabei werden oftmals religiöse und kulturelle Begründungen undifferenziert vermischt. Wird es als kulturelles Symbol missbraucht, anhand dessen zu demonstrieren versucht wird, dass sich Personen an „christliche“ Werte anpassen sollen, dann stellt dies in einer pluralen Gesellschaft einen nicht legitimierbaren Machtanspruch dar. Als religiöses Symbol adressiert es christliche Schüler:innen. Schulen können sich hier die Frage stellen, wie man allen in der Schule vorhandenen religiösen Überzeugungen Sichtbarkeit verleihen kann.

Auch religiöse Bekleidungsvorschriften werden immer wieder heftig diskutiert. Auffällig ist dabei eine einseitige Fokussierung auf die Verhüllung muslimischer Frauen (Barskanmaz 2009, Ebrahim & Karagedik 2021). Bemühungen, diese Frage nicht in besonderer Weise zu dramatisieren, sondern pragmatisch zu lösen, führen oft zu kreativen Wegen, die von allen mitgetragen werden können. So kann beispielweise ein Burkini eine problemlose Teilnahme am Schwimmunterricht ermöglichen.

Religiöse wie politische Zugehörigkeiten werden aber auch über T-Shirts, Schals oder Schmuck kommuniziert. Dies berührt ebenfalls die Frage, inwiefern die jeweilige Schule zulassen möchte, dass und wie Religion bzw. politische Überzeugungen im Schulkontext sichtbar werden. Ein Verbot kann dem Menschenrecht auf Religions- und Meinungsfreiheit widersprechen und den betreffenden Menschen verdeutlichen, dass sie mit ihrer Lebensüberzeugung keinen Raum in der Schule haben. Gleichzeitig gilt es aber sensibel zu sein, wenn bestimmte Kleidung oder Symbole als Provokation oder zum Ausdruck der Herabwürdigung anderer eingesetzt werden. Hier ist eine pädagogische Intervention gefordert, die dies im Gespräch mit den betroffenen Personen thematisiert und für den Schulkontext klare Grenzziehungen vornimmt.

Mit der Thematisierung des Umgangs mit religiösen und politischen Zeichen und Symbolen und einer Sensibilisierung für die darin wirkmächtigen Diskurse gleich zu Beginn des Schuljahres – mit den Schüler:innen im Unterricht und mit den Eltern bei Elternabenden – zeigt die Schule ihren Respekt vor persönlichen Überzeugungen und die Bereitschaft, bei strittigen Fragen an praktikablen Lösungen interessiert zu sein und an diesen arbeiten zu wollen.

Gebet

Ob und wie Gebete in der Schule vorkommen (dürfen), stellt einen besonders sensiblen Bereich dar. Es können damit Vorwürfe von Indoktrination verbunden werden, wenn Lehrpersonen ohne Rückversicherung Gebete als Bestandteil von Unterricht einsetzen. Irritationen bis hin zu Spott können bei jenen ausgelöst werden, die Gebetspraxen von Mitschüler:innen – wie beispielsweise die Ausübung des Pflichtgebets – mitverfolgen und darüber wenig informiert sind.

Der Umgang mit persönlichen Gebetspraxen in der Schule erfordert ein hohes Maß an Sensibilität und kann am besten im Dialog mit Schüler:innen, Lehrer:innen, der Schulleitung und gegebenenfalls den Eltern erarbeitet werden.

Steht eine Schule dem Wunsch nach Gebetsausübung generell offen gegenüber, stellt sich die räumliche Frage (Peter & Stockinger 2021). In vielen Schulen ist es nicht möglich, einen eigenen Raum für Gebet und Meditation einzurichten. Eine Lösung ließe sich darin finden, variabel einen Raum zu benennen, in dem Personen möglichst ungestört ihre Gebete verrichten können, beispielsweise in einem Bereich in der Bibliothek oder in leerstehenden Klassenräumen, in denen zu gewissen Zeiten Möglichkeit für Ruhe und somit auch Gebet gegeben ist.

Auch hier bietet der Schuljahresbeginn eine gute Gelegenheit, den Schüler:innen und ihren Eltern die Möglichkeiten und Grenzen für Gebet in der Schule zu kommunizieren. Dies kann im Schulkontext zu einem Austausch über verschiedene Formen des Gebets, über Sinn (oder Unsinn) von Gebeten und die Motivation solcher führen, der insbesondere von Religionslehrer:innen begleitet werden kann.

Feiern

Leben in der Schule birgt neben den Zeiten des Alltags hervorgehobene Zeiten von Festen und Feiern. Auch hier gilt es zu Beginn des Schuljahres zu überlegen, wie in der Schule diese besonderen Zeiten begangen werden möchten. Wenn die spirituelle Dimension in der Gestaltung solcher Schulfeiern eine Rolle spielen soll, gilt es, Religion in ihrer pluralen Ausprägung zu berücksichtigen. Möglichkeiten dazu finden sich im Beitrag „Schulschluss feiern – mit oder ohne Religion?“.


Abschließender Hinweis

Weitere Anregungen für Aufmerksamkeiten zu Bedeutung und Berücksichtigung der religiösen Dimension in der Schule finden sich in der kürzlich in der Kohlhammer-Reihe „Brennpunkt Schule“ erschienenen Publikation:

Die Buchpräsentation findet am Dienstag, 27. September 2022 um 19:00 in der Buchhandlung Herder, Wollzeile 33, 1010 Wien statt.


Andrea Lehner-Hartmann, Univ.-Prof.in Dr.in, ist Professorin für Religionspädagogik und Katechetik am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät sowie am Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität Wien.

Karin Peter, Dr.in, ist Leiterin des FWF Elise Richter-Projekts „Religionspädagogische Analysen zur Opferthematik“ an der Universität Wien.

Helena Stockinger, Univ.-Prof.in Dr.in, ist Professorin für Katechetik, Religionspädagogik und Pädagogik an der Katholischen Privat-Universität Linz.


Literatur

Barskanmaz, Cengiz (2009): Das Kopftuch als das Andere. Eine notwendige postokoloniale Kritik des deutschen Rechtsdiskurses. In: Berghahn, Sabine & Rostock, Petra (Hg.), Der Stoff, aus dem Konflikte sind. Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz (361–392). Bielefeld: transcript.

Dupré, Louis (2007): Symbole des Heiligen. Die Botschaft der Transzendenz in Sprache, Bild und Ritus. Freiburg i. Br.: Herder.

Ebrahim, Ranja & Karagedik, Ulvi (Hg.) (2021): Kopftuch(verbot): Rechtliche, politische und pädagogische Perspektiven (Wiener Beiträge zur Islamforschung). Wiesbaden: Springer.

Peter, Karin & Stockinger, Helena (2021): Ein gemeinsamer Raum gewinnt Gestalt. In: Katechetische Blätter 4, 276–279.

Tillich, Paul (1986): Symbol und Wirklichkeit. Nachwort von Joachim Ringleben (3., erg. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Willems, Joachim (2020): Einleitung. Religion in der Schule – Pädagogische Praxis zwischen Diskriminierung und Anerkennung. In: Ders. (Hg.), Religion in der Schule. Pädagogische Praxis zwischen Diskriminierung und Anerkennung (9-21). Bielefeld: transcript.

Zimmermann, Mirjam (2015): Symboldidaktik. In: Das wissenschaftlich-religionspädagogische Lexikon im Internet (WiReLex). Online verfügbar unter: https://www.bibelwissenschaft.de/fileadmin/buh_bibelmodul/media/wirelex/pdf/Symboldidaktik__2018-09-20_06_20.pdf [14.07.2021].

Beitragsbild: i-stock Fotos

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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