60 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil. Einige Fragen zur kritischen Selbstreflexion. (Regina Polak)

Am 11. Oktober 1962 eröffnete Papst Johannes XXIII.[1] das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Ziel, „das heilige Überlieferungsgut (depositum) der christlichen Lehre mit wirksameren Methoden zu bewahren und zu erklären“. Getragen vom Glauben, dass „die Kirche an geistlichen Gütern zunehmen und, mit neuen Kräften von daher gestärkt, unerschrocken in die Zukunft schauen“ wird, war er überzeugt, dass die Kirche „durch eine angemessene Erneuerung und durch eine weise Organisation wechselseitiger Zusammenarbeit erreichen (wird), dass die Menschen, Familien und Völker sich mehr um die himmlischen Dinge sorgen“.

Inspiriert von Karl Rahner, Andreas R. Batlogg und Hans Joas formuliert Regina Polak in einem Long-Read einige praktisch-theologische Fragen zur kritischen Selbstreflexion der Umsetzung des Konzils, denen man sich angesichts der aktuellen Kirchenkrise stellen könnte. Wer über diese Fragen live mit Andreas R. Batlogg über dessen neues Buch zum Konzil und der Blog-Autorin unter der Moderation von Otto Friedrich von der Wochenzeitschrift „Die Furche“ diskutieren möchte, ist herzlich eingeladen, kommenden Mittwoch, den 12. Oktober 2022, 18.30 – 22.00, an der Buchpräsentation im Kardinal König Haus in Wien teilzunehmen.

Sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil herrscht unter vielen Gläubigen im deutschsprachigen Raum große Ernüchterung über den Zustand der Katholischen Kirche. Die Zahl freudvoller Feierlichkeiten und Stellungnahmen hält sich angesichts der Diskrepanz zwischen den Visionen des Konzils und der postkonziliaren Realität der Kirche in Grenzen. Die Covid-19-Sonderedition der Europäischen Wertestudie[2] für Österreich gibt auch allen Grund zur Sorge: Alle Indikatoren, die die Religiosität der Österreicher:innen messen, sind im Zuge der Corona-Pandemie seit 2018 noch einmal gesunken. So ist das Vertrauen in die Kirche seit 2018 um 13% auf nunmehr 28% gefallen; die Wichtigkeit von Religion ist von über auf unter 40% der Befragten zurückgegangen; sogar der bisher relativ konstant hohe Glaube an Gott ist auf knapp über 50% eingebrochen. Dieser Rückgang wird keinesfalls von der jüngeren, sondern der bisher traditionell religiöseren älteren Bevölkerung angetrieben. Ob der Synodale Prozess, mittels dessen Papst Franziskus weltweit ein zentrales Anliegen des Konzils weitertreiben möchte, diese negativen Dynamik umkehren kann, ist offen.

Konträre Ursachenanalysen und die Gefahr der „Musealisierung“

Ob und inwiefern neben gesellschaftlichen Entwicklungen auch die Konzilsrezeption für die Krise der Kirche verantwortlich ist, ist seit Jahren innerkirchlich heftig umstritten. Verorten die einen die Probleme der Kirche in einer nach wie vor unvollständigen Umsetzung der Konzilsanliegen und sehen – wie z. B. der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl – die Kirche nach wie vor „im Sprung gehemmt“[3] oder von restaurativen Kräften von Teilen der kirchlichen Hierarchie sogar bekämpft, teilen andere die Einschätzung Papst Benedikts XVI., der aufgrund von „Übertriebenheiten einer wahllosen Öffnung zur Welt“ und „nach den positiven Interpretationen einer agnostischen und atheistischen Welt“[4] eine Restauration sogar für wünschenswert hielt.

Neben diesen Auseinandersetzungen, die sich v.a. zwischen lehramtlicher und akademischer Theologie abspielen, findet freilich zeitgleich eine „Musealisierung“ des Konzils statt – eine Sorge, die Andreas R. Batlogg SJ in seinem höchst informativen Buch zum Zweiten Vatikanum[5] zum Ausdruck bringt, und die ich insbesondere mit Blick auf die junge Generation der Theologiestudierenden teile. Denn während meine und die Generation meiner theologischen Lehrer:innen nach wie vor ambitioniert um die Weiterführung konziliarer Anliegen ringt, lassen sich mit Konzilstexten nur mehr wenige meiner Studierenden hinter dem Ofen hervorholen. Junge Menschen haben mit Blick auf Theologie und Kirche andere Sorgen; unter anderem beschäftigt sie die Frage, wie man in einer säkularisierten und höchst kirchenkritischen Gesellschaft im Modus globaler Dauerkrisen als Christ:in bestehen und das Evangelium verkünden kann. Inwiefern die Auseinandersetzung mit Texten des Konzils Antworten auf diese Fragen geben können, erschließt sich vielen nicht mehr von selbst, da die positiven Errungenschaften des Konzils für sie selbstverständlich sind und sie die praktischen Begleiterscheinungen so mancher vorkonziliarer Theologie nicht am eigenen Leib verspürt haben. Die Texte erscheinen vielen antiquiert. Wie eine Studentin einmal zu mir gesagt hat: „Das ist Museum!“

Ich möchte im Folgenden daher nun einige Fragen formulieren, die sich mit Blick auf die Zukunft des Konzils aus praktisch-theologischer Perspektive uns allen stellen – jenen, die die Implementierung des Konzils vorantreiben möchten, und jenen, die das Konzil und seine Folgen kritisieren. Inspiriert dazu haben mich Texte von Karl Rahner[6], Andreas R. Batlogg[7] und Hans Joas[8].

Der Streit um das Konzil im Horizont einer krisengeschüttelten Welt

Für Johannes XXIII. war das viel zitierte „Aggiornamento“ (Verheutigung) ein grundlegendes Prinzip der Reform der Kirche. Dabei ging es ihm keinesfalls – wie jene Kritiker:innen, die seine Texte offenbar nicht genau lesen, unterstellen – um die Angleichung der christlich-kirchlichen Lehre an den Zeitgeist. Vielmehr sollten das Evangelium Jesu Christi und die kirchliche Lehre im Licht der „Zeichen der Zeit“ ausgelegt und gelebt werden (vgl. GS 4) – eine keinesfalls vom Konzil erfundene, sondern in den biblischen Texten, bei den Kirchenvätern und in der Geschichte der Kirche immer wieder bezeugte kirchliche Praxis.

Karl Rahner hat dieses Prinzip des „Aggiornamento“ noch schärfer und mit mahnenden Worten auf den Punkt gebracht. Es bezeichnet „nicht das Bestreben, die Kirche etwas gemütlicher und ansehnlicher in der Welt einzurichten, sondern eine erste, von ferne zulaufende Zurüstung, um der Frage von Leben und Tod von morgen standhalten zu können“[9]. Angesichts der Zukunft, die der Kirche als „die Zukunft der einen Menschheit von immenser Zahl, aktiver Selbstmanipulation, höherer gesellschaftlicher Organisation, rationalisierter und automatisierter Technik, außerirdischer Ziele“ „voller Verheißung und tödlicher Bedrohung“[10] entgegenkommt, warnt er vor jeglichem konziliaren Enthusiasmus. „Aggiornamento“ bedeutet immer auch Buße und Bekehrung.

Vielleicht erschließt sich diese Warnung erst heute in ihrem vollen Umfang – in einer Welt, die durch globale und einander verstärkende multiple Krisen erschüttert ist, und in der es im Leben von Millionen Menschen angesichts von Armut, Gewalt, Kriegen, Klimakatastrophen, Zwang zu Flucht und Migration uvm. tatsächlich um Leben und Tod geht. Dann aber stellt sich in unserem immer noch relativ reichen und sicheren Europa die Frage nach kirchlicher Buße und Bekehrung: Haben wir diese Weltsituation in unseren Konflikten um die Konzilsrezeption angemessen im Blick? Was tragen unsere theologischen Auseinandersetzungen dazu bei, dass der christliche Glaube in dieser Situation helfen und heilen kann? Bereiten wir insbesondere junge Gläubige darauf vor, in einer solchen Welt das Evangelium zu verkünden und als Christ:innen zu leben?

Der Streit um das Konzil: Worum und wozu?  

Rahner formulierte 1965 auch Kriterien, an denen die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse zu messen sein wird. Er vergleicht die Anstrengungen, die Ideen des Konzils zu verwirklichen, mit dem Gewinnen von Radium: „Man muss eine Tonne Pechblende schürfen, um 0,14 Gramm Radium zu gewinnen, und doch lohnt es sich. Alles kirchliche Tun als solches in Regieren, Reden, Theologisieren, Reformen, in Unterricht und in Selbstbehauptung inmitten der heutigen Gesellschaft ist mit all dem riesigen Apparat, Aufwand und Betrieb, die dabei unvermeidlich sind, nur so etwas wie die Förderung von ungeheuren Mengen Pechblende, damit in unserem Herzen – und da letztlich allein – ein klein wenig Radium von Glaube, Hoffnung und Liebe gewonnen werde. Denn das Konzil und alle nachkonziliare, ungeheure, notwendige Reformarbeit sind nur Dienst und Vorbereitung. Dieser Dienst zielt in und nach dem Konzil auf die wahre Unendlichkeit des Menschen und vor allem auf die Ankunft des Reiches Gottes, will ganz einfach: Glaube, Hoffnung und Liebe.“[11] Alle anderen Taten und Pläne der Kirche, die sich dieser Aufgabe entziehen und „allein sich selbst suchen“, bezeichnet er als „absurd“ und „pervers“.[12]

Alle, die wir um das richtige Verständnis und die zeitgerechte Umsetzung des Konzils streiten, müssten sich demnach fragen: Fördern wir damit Glaube, Hoffnung und Liebe sowie die Ankunft des Reiches Gottes? Die Antworten auf diese Frage dürfen dabei freilich weder individualisiert, romantisiert noch spiritualisiert werden. Sie betreffen auch die Strukturen der Kirche, die wie unsere persönlichen Worte und Taten von Geist oder Ungeist zeugen, und sich im Licht der Erschütterung der Kirche durch den weltweiten Missbrauch Minderjähriger und dessen Vertuschung noch einmal verschärft stellen. Wer meint, dies sei eo ipso ein Missbrauch des Missbrauchs (mag dies auch im Einzelfall zutreffen), hat das Ausmaß dieser Erschütterung noch nicht angemessen wahrgenommen.[13]

Alle Gläubigen sind in die Pflicht genommen, gemeinsam die Krise der Kirche zu bestehen

Dabei ruft Rahner alle Gläubigen in die Pflicht: „Die heilige-schreckliche Verantwortung, die wir alle, die wir die Kirche sind, uns aufgeladen haben durch dieses Konzil zu tun, was wir gesagt haben, die zu werden, die zu sein wir erkannt und vor aller Welt bekannt haben, aus Worten Taten zu machen, aus Gesetzen Geist, aus liturgischen Formen wahres Gebet, aus Ideen Wirklichkeit. Dafür konnte das Konzil nicht mehr als den Anfang des Anfangs setzen. Das ist unsagbar viel. Es würde aber ein hartes Gericht für Hirten und Herde, für uns alle bedeuten, wenn wir Wort und Tat, Anfang und Vollendung verwechseln wollten. Wir sind auf dem Konzil wie einst Elias durch eine weite Wüste gewandert und dem heiligen Berg Gottes angekommen. Wenn wir uns jetzt darum müde, schläfrig und verdrossen unter dem Ginsterbusch eines konziliaren Triumphalismus ausruhen würden, dann wird, dann möge, ja dann muss uns der Engel Gottes durch die schrecklichen Gefahren und Qualen dieser Zeit, durch Verfolgung, Abfall und Schmerzen des Herzens und des Geists aus unserem Schlaf aufwecken: mach dich auf, ein großer Weg steht dir noch bevor (vgl. 1 Kön 19, 7).“[14]

Nach Rahner hat es also wenig Sinn, einander innerkirchlich wechselseitig Vorwürfe für die Krise der Kirche zu machen. Freilich bedeutet der Verzicht auf Vorwürfe und Anklagen keinesfalls den Verzicht auf wechselseitige Kritik und scharfe Ursachenanalysen. Diese sollten allerdings verbunden sein mit der Bereitschaft aller zur Selbstkritik, zum konstruktiven Konflikt und dem Willen, gemeinsam um die Zukunft einer Kirche zu ringen, deren gott- und zeitgerechte, „richtige“ Gestalt im Angesicht einer umfassenden Erschütterung zu kennen niemand das Monopol beanspruchen kann. Schläfrigkeit, Rückzug, aber auch das Pochen auf formale Autorität oder Macht haben da keinen Platz. Folgt man Rahner, wäre vielmehr gemeinsam zu fragen, worin denn der tiefere, auch geistliche Sinn der Kirchenkrise liegt, an der wohl die Gläubigen aller Gruppierungen und inhaltlichen Orientierung leiden und in und von der wir alle zu lernen haben.

Das Problem der Sehnsucht nach Restauration

Hilfreich ist aus praktisch-theologischer Perspektive auch ein sozialwissenschaftlicher Außenblick auf die aktuelle Situation der Kirche. Dieser zeigt, dass die Kirche wie auch die Gesellschaften (nicht nur) in Europa am Problem einer um sich greifenden Sehnsucht nach Restauration leiden – d.h. nach der Wiederherstellung einer (zumeist noch willkürlich normativ gesetzten Epoche der) Vergangenheit, die es bei genauerer historischer Betrachtung in der dabei oft idealisierten Form ohnedies nie gegeben hat und in die zurückzukehren sich vernünftigerweise niemand wünschen kann.

Der Soziologe Zygmunt Bauman hat in diesem Zusammenhang von „Retrotopien“[15] gesprochen. Nach dem mörderischen Scheitern der Utopien des frühen 20. Jahrhunderts sei in den vergangenen Jahrzehnten infolge der Überforderung durch die Globalisierung auch der Glaube an den permanenten Fortschritt im Zeichen der Mehrung von Frieden, Sicherheit und Wohlstand kollabiert. Damit sei der Glaube an eine positive Zukunft verloren gegangen und unzählige Menschen flüchten sich bereitwillig in die politischen, zumeist (aber nicht ausschließlich) rechtsautoritären Angebote, die die Illusion einer einst angeblich besseren Vergangenheit propagieren. Bauman hatte in seinem posthum erschienen Werk dabei vor allem Neo-Nationalismen und neorechte bzw. neofaschistische Bewegungen im Blick. Aber ähnliche Dynamiken lassen sich seit vier Jahrzehnten durchaus auch in traditionalistischen Bewegungen in der Kirche beobachten, die in der Rückkehr zur societas perfecta-Kirche v.a. des 19. Jahrhunderts die Antwort auf die Krisen der Gegenwart suchen.

Die damit verbundenen innerkirchlichen Konflikte zeigen sich wohl am deutlichsten in der Konfrontation mit dem fundamentalen Paradigmenwandel rund um Fragen von Gender, sexueller bzw. Geschlechtsorientierung sowie gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Doch nicht nur in diesen Fragen, auch in Debatten um das Ende des Anthropozäns und den damit verbundenen anthropologischen Verschiebungen oder in geopolitischen Veränderungen uvm. lässt sich erkennen, dass die Epoche, in der wir leben – mit Papst Franziskus bei seiner Weihnachtsansprache 2019 an die Kurie gesprochen –  längst nicht nur eine Epoche linearer Veränderungen ist, sondern einen Epochenwandel darstellt. Auch wenn die politischen Verwerfungen und ideologischen Auswüchse der benannten Phänomene – rechts wie links – aus theologischer Sicht hochgradig beunruhigend sind und die Kirche herausfordern: Retrotopien und Restauration werden nicht in die Zukunft führen, sondern drohen die Kirche in eine bedeutungslose Institution zu verwandeln, die zum Rückzugsort jener wird, die vor den Zeitläuften in einen selbstreferentiellen Traditionalismus flüchten und sich ihrer Sendung in der Welt, der theoretischen wie praktischen Relektüre der Tradition im Licht der Gegenwart und ihrer Probleme, entziehen. Selbstkritisch zu befragen wären also die je eigenen Sehnsüchte nach Restauration und Retrotopien – und die gibt es im konservativen wie auch im progressiven Flügel der Kirche. Vor diesem Hintergrund stellen sich exemplarisch folgende Fragen mit Blick auf das Konzil.

Theologische Würdigung der nachkonziliaren Entwicklungen   

Wie können die Entwicklungen, die durch das Konzil in Gang gesetzt wurden – u.a. die Öffnung hin zur Welt und die damit verbundene Rezeption von (wissenschaftlichem) „Weltwissen“ bei den Gläubigen, in den Gemeinden, Bewegungen und Ordensgemeinschaften, in der Theologie, nicht nur höflich-freundlich zur Kenntnis genommen, sondern auch theologisch und vor allem lehramtlich gewürdigt und anerkannt werden?

Weder Papst Johannes XXIII. noch den Konzilsvätern war offenbar bewusst, dass sich im Zuge des „Aggiornamento“ nicht nur die pastoralen Methoden ändern würden, sondern der Orts- und Formwechsel der Kirche notwendigerweise auch kritische Rückfragen an den Inhalt des Glaubens und der Lehre nach sich ziehen würde. Man hatte den untrennbaren Zusammenhang zwischen Methode bzw. Form und Inhalt nicht ausreichend bedacht. So war und ist es für viele, insbesondere Teile der Kirchenleitung, immer noch neu und ungewohnt, dass eine bis zum Konzil sich als Lehrerin verstehende Kirche, die sich von der Kathedra weg „unters Volk“ begibt, mit selbstbewussten, theologisch gebildeten Laien, insbesondere Frauen, konfrontiert ist und sich kritische Rückfragen oder gar eigenständige Vorschläge gefallen lassen muss. Die Lehrer sind plötzlich angehalten, zu Lernenden zu werden. Dies ist nicht nur für kirchliche Autoritäten, sondern in der Regel für alle mit institutioneller Macht ausgestatteten Autoritäten wie z.B. Wissenschaftler:innen eine höchst schmerzhafte Erfahrung. Nicht ohne Grund stößt man im „Vademecum“ zum Synodalen Prozess 62mal auf das Wort „zuhören“ und 10mal auf das Wort „lernen“. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Bischöfen zu: „Während des Konsultationsprozesses besteht die Hauptaufgabe des Bischofs darin, zuzuhören.“[16] Zuhören impliziert im Sinn des „Vademecums“ aber auch die Bereitschaft, die eigene Meinung aufgrund des Gehörten zu ändern und für ernsthaften Dialog und daraus erfolgende Veränderung bereit zu sein. Für eine solche synodale Haltung gibt es im Übrigen durchaus biblische Beispiele: Immerhin revidiert auch Jesus von Nazareth im Gespräch mit der nicht-jüdischen, syrophönizischen Frau (Mk 7,24– 7,30) seine Weigerung, den Dämon ihrer Tochter auszutreiben; und Abraham (z.B. Gen 18,25) und Moses (z.B. Ex 32, 7–34) gelingt es, den allmächtigen Gott selbst durch kluge Argumentationen umzustimmen.

Die „Zeichen der Zeit“ identifizieren  

Welches sind die „Zeichen der Zeit“, in deren Licht die Kirche heute ihre Sendung verwirklichen muss? Diesbezüglich müssen das Konzil und insbesondere Gaudium et Spes, das hier einen Schwerpunkt setzt, wohl weitergedacht werden. Auch der Begriff der „Zeichen der Zeit“ selbst sollte in der Pastoral gründlich reflektiert und mit den theologischen Debatten dazu in ein Gespräch gebracht werden. Denn dabei handelt es sich keinesfalls um objektiv feststellbare soziologische Trends, aus denen man unmittelbare oder gar immer eindeutig feststellbare theologische oder pastorale Schlussfolgerungen ziehen kann. Zeitphänomene werden erst aus der Sicht eines theologisch reflektierten Glaubens und in einem gesamtkirchlichen Prozess gemeinsamen Nachdenkens zu einer unabdingbaren Quelle der Offenbarung. Wo finden solche Identifikationsprozesse heute in strukturierter Form statt?

Die Quellen der Sehnsucht nach Restauration austrocknen

Welches sind die Quellen, die die Sehnsucht nach Restauration und Retrotopien speisen? Die Kategorisierung der Kirche in Konservative und Progressive hilft hier wenig weiter, sondern führt am Ende nur immer zu wechselseitigen Vorwürfen und Forderungen bzw. Denk- und Handlungsverboten – je nachdem, welche Gruppierung in der Kirche gerade mehr Macht und Einfluss hat. Ohne die – teilweise durchaus nachvollziehbaren – Ursachen und Dynamiken der Restaurationssehnsucht zu identifizieren, zu verstehen und (selbst)kritisch zu analysieren, droht die Kirche in ihrer Selbstreferentialität steckenzubleiben und sich weiter zu polarisieren. Es greift dabei zu kurz, nur in Kategorien des Machterhalts oder Machtzuwachses zu denken. Die Restaurationstendenzen in der Kirche müssen sozialpsychologisch, soziologisch, historisch, spirituell, theologisch und nicht zuletzt auch im Kontext politischer und ökonomischer Entwicklungen gedeutet werden, denn die Kirche ist in dieser Frage wohl mehr Kind ihrer Zeit als ihr lieb ist. Erst wenn diese Quellen ausgetrocknet werden, kann der Blick für eine wahrhafte Erneuerung freiwerden, die die Reinterpretation der Tradition im Licht der Gegenwart zum Ziel hat.

Der Synodale Prozess als Chance

Sich diesen Fragen zu stellen, bedarf der Institutionalisierung von Räumen und Zeiten, in denen gemeinsam Erfahrungen ausgetauscht, theologisch nachgedacht und wohl auch die vielen unausgelittenen Konflikte geführt werden müssen, die sich auch in den Texten des Konzils widerspiegeln. Denn die Konzilstexte selbst sind nicht nur konträr, sondern – mit Blick z.B. auf das Kirchenverständnis, die theologische Würdigung der Welt, das Verständnis der „Zeichen der Zeit“, das Wesen von Priestern und Laien etc. ­– mitunter kontradiktorisch, also einander logisch ausschließend und nicht miteinander vermittelt.[17] Ebendies ermöglicht es ja Konzils“fans“ wie Konzilskritiker:innen je nach Selbstlegitimationsbedarf das passende Zitat heranzuziehen. Geht man davon aus, dass diese Widersprüchlichkeit vieler Texte nicht nur eine Schwäche oder gar Ignoranz darstellt, sondern dem Wunsch nach Einmütigkeit geschuldet ist, müssen sie möglichweise performativ gelesen werden, d.h. sie verpflichten dazu, die am Konzil und offenbar auch bei dessen Rezeption nicht ausreichend in die Tiefe gehenden und seit den 1980er-Jahren auch unterbundenen Konflikte endlich offen und im Geist der Synodalität auszutragen.

Dies ist auch deshalb notwendig, weil offenbar bis heute das Bewusstsein fehlt, dass – wie der Soziologe Hans Joas verdeutlicht – aus organisationssoziologischer Sicht institutionelle Strukturen gegenüber der Deklaration von noch so visionären „Leitbildern“, wie es die Konzilstexte aus dieser Sicht darstellen, immer träge sind und nach einer Phase der Begeisterung und Bewegung zur Restabilisierung neigen.[18] Was es also braucht, sind exekutive Strukturen, Institutionen und Prozesse, in denen die offen gebliebenen und jetzt notwendigen Diskussionen geführt werden.

Der Synodale Prozess kann dafür eine ausgezeichnete Gelegenheit bieten. Zumindest in Österreich hat sich aus meiner Sicht ein enormer Gesprächsbedarf gezeigt. Der Kirche wäre zu wünschen, dass auch im Synodalen Prozess jene Stimmung entsteht, „in der die Einzelnen über sich selbst hinausgerissen werden und sich Dinge zutrauen oder vollbringen, zu dem sie im individualisierten Alltag weder den Mut noch die Phantasie haben“[19]. Die Soziologie nennt solche Ereignisse kollektiver Begeisterung „Efferveszenz“[20] und kann Strukturen und Kontexte analysieren, die solches begünstigen. Willentlich herstellen lässt sich eine solche Atmosphäre, wie sie Andreas R. Batlogg in seinem Buch für das Konzil eindrücklich beschreibt, freilich nicht allein durch Menschen. Aus theologischer Sicht ist auch die Efferveszenz auf den Heiligen Geist verwiesen. Aber sollten sich die am Synodalen Prozess Beteiligten für diesen öffnen, wäre den Bischofssynoden 2023 in Prag und sodann in Rom zu wünschen, dass auch sie, wie das Konzil, belebt vom Heiligen Geist, eine Art „Laboratorium kollektiver Wahrheitsfindung“[21] werden.   


[1] Die folgenden Zitate entstammen der “Rede von Papst Johannes XXIII. zur Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962″, die man in italienischer, lateinischer und deutscher Fassung findet in: Ludwig Kaufmann/Nikolaus Klein: Johannes XXIII. Prophetie im Vermächtnis. Fribourg 1990, 116–150. 

[2] Covid-19-Sonderedition der EVS: Erste Ergebnisse und Medienberichte, URL: Europäische Wertestudie (werteforschung.at) (7.10. 2022).

[3] Helmut Krätzl: Im Sprung gehemmt: Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt. Wien 1999.

[4] Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.: Zur Lage des Glaubens  Ein Gespräch mit Vittorio Messori. München u.a. 1985, 36.

[5] Vgl. Andreas R. Batlogg: Aus dem Konzil geboren. Wie das II. Vatikanische Konzil der Kirche den Weg in die Zukunft weisen kann. Wien/Innsbruck 2022., 29; 146.

[6] Karl Rahner: Das Konzil – ein neuer Beginn. Vortrag beim Festakt zum Abschluss des II. Vatikanischen Konzils im Herkulessaal der Residenz in München am 12. Dezember 1965, in: Karl Rahner: Das Zweite Vatikanum. Beiträge zum Konzil und seiner Interpretation. Sämtlich Werke, Band 21/2, hg. von der Karl-Rahner-Stiftung unter Leitung von Karl Kardinal Lehmann, Johann B. Metz, Albert Raffelt, Herbert Vorgrimler und Andreas R. Batlogg SJ, Freiburg i.B. 2013, 775–786.

[7] Batlogg, Aus dem Konzil geboren.

[8] Hans Joas: Kirche als Moralagentur? München 2016.

[9] Rahner, Das Konzil – ein neuer Beginn, 783.

[10] Ebd., 779.

[11] Ebd., 784–785.

[12] Ebd., 785.

[13] Vgl. dazu z.B. Gunter M. Prüller-Jagenteufel/Wolfgang Treitler (Hg.): Verbrechen und Verantwortung: Sexueller Missbrauch von Minderjährigen in kirchlichen Einrichtungen. Freiburg u.a. 2021; Hans-Joachim Sander: Anders Glauben, nicht trotzdem. Sexueller Missbrauch der Katholischen Kirche und die theologischen Folgen. Ostfildern 2021.

[14] Rahner, Das Konzil – ein neuer Beginn, 783–784.

[15] Zygmunt Bauman: Retrotopia. Frankfurt a M. 2017.

[16] Vgl. „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung. Vademecum für die Synode zur Synodalität. Handbuch für die Beratungen in den Ortskirchen. Erste Phase (Oktober 2021 –April 2022). Vatikanstadt 2021, 22.

[17] Vgl. Wolfgang Beinert: Das Konzil: Schnee von gestern – oder Quellgrund für morgen?, In: Die Furche vom 5. Oktober 2022, URL: Das Konzil: Schnee von gestern oder Quellgrund für morgen? | Die FURCHE (7.10.2022).

[18] Joas, Kirche als Moralagentur?, 18.

[19] Ebd., 19.

[20] Batlogg, aus dem Konzil geboren, 108 ff.

[21] Ebd., 108 ff.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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