Leiden: mit und für die „Anderen“? (Regina Polak)

Wie soll es angesichts des Leidens in Österreich möglich sein, sich auch noch mit dem Leid der „Anderen“ außerhalb unserer Grenzen zu belasten? Derzeit sind das auch die im Stich gelassenen Flüchtlinge in den griechischen Lagern. Diese kann man in einer Petition an die Europäische Union und in der Initiative „Leave no one behind“ unterstützen. Spuren, wie man diesen seelischen Spagat spirituell einüben kann, versucht Regina Polak anlässlich des Karfreitags freizulegen.  

Vor allem die Nachkriegsgeneration ist im Westen Europas psychisch und spirituell nur schlecht auf das vorbereitet, womit wir in den kommenden Wochen und Monaten rechnen müssen: zig-tausende Kranke und Tote; Bilder von Menschen mit Beatmungsgeräten auf Intensivstationen; vermummte Gestalten, die auf öffentlichen Flächen hektisch Gräber graben, damit die Toten nicht auf den Straßen liegen müssen; weltweit ökonomische Verwerfungen und politische Konflikte, wie die Schäden der Corona-Krise nun behoben werden sollen; nicht zuletzt rasant wachsende Armut. Hinter den Bildern und Zahlen, die auf uns einprasseln, verbergen sich konkrete Menschen, die hungern, die verzweifelt sind, Angst haben und trauern – weltweit und auch in Österreich.

Wie sollen wir diesen Sturm an Leid ertragen? Als selbst Betroffene, selbst Betroffener? Aber auch dann, wenn wir mit diesem Leid nur im Home-Office konfrontiert sind?

Globales Leid: Nichts Neues …

Nüchtern muss man feststellen: Not und Armut, Leid und Verzweiflung sind auch im 21. Jahrhundert nichts Neues. Die globale ökonomische Ungleichheit, der Raubbau an der Ökologie, Kriege, Krankheiten und Seuchen haben schon seit Jahrzehnten zur Folge, dass Menschen weltweit leiden und sterben. Bis jetzt hat ein Großteil der Europäerinnen und Europäer dies erfolgreich ausgeblendet.

Papst Franziskus mahnt seit Beginn seines Pontifikats 2013, die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ diesem Leid gegenüber zu beenden. Insbesondere Europa fordert er immer wieder auf, aktiv einen Beitrag zur Gestaltung einer humaneren und gerechteren Welt zu leisten. Aber Reden wie die an den Europäischen Rat oder das Europäische Parlament blieben in Europa medial, aber auch innerkirchlich weitgehend unerhört. Bis jetzt ignorierten zu viele diese Botschaften, aus Angst und Hilflosigkeit, Überforderung und Ohnmacht, aber auch Ignoranz und Hartherzigkeit.

… aber jetzt in Europa angekommen

Aber jetzt sind mit Corona Not und Armut, Leid und Tod auch im Leben und im Bewusstsein (vor allem West-) Europas angekommen. Viele Menschen, auch gläubige Christinnen und Christen, sind damit vollkommen überfordert. Das Leiden und die Angst sind breit gefächert. Tiefer Schmerz, weil man einen geliebten Menschen verloren hat und ihm in dessen letzten Stunden nicht beistehen konnte; Zukunftsangst, weil man arbeitslos geworden ist; verstärkte Einsamkeit, Dynamisierung psychischer Erkrankungen, Orientierungslosigkeit; Hilflosigkeit und Überforderung durch eingeengte Wohnsituationen, in denen nun mit den Kindern gelernt und fürs Büro gearbeitet werden soll; die Unmöglichkeit, den eigenen Lebensstil weiterzuführen, shoppen zu gehen oder auf Urlaub zu fahren; bohrende religiöse Fragen, wie ein guter Gott das alles zulassen kann; der Verlust des physischen Kontakts zu Familie, Freunden oder zur religiösen Gemeinde: All dies steht nebeneinander und belastet Menschen. Auch wenn das Leiden unterschiedlich dramatische Ursachen hat: Leiden ist etwas zutiefst Individuelles. Und Menschen stehen aus biographischen, sozialen oder kulturellen Gründen Kraft und Ressourcen von unterschiedlicher Quantität und Qualität zur Verfügung – finanziell, psychisch, sozial, bildungsmäßig.

Warum und vor allem wie sollte man da dann noch Zeit und Kraft haben, sich um die Probleme der ganzen Welt zu kümmern?

Es gibt hier keine einfachen Antworten. Moralisierende Appelle sind ebenso wenig hilfreich wie ein vorschneller Verweis auf die christliche Auferstehungshoffnung. Es ist Karfreitag, der ausgehalten werden will. Aber sich schicksalsergeben in dessen Ohnmacht zu vergraben, ist auch keine Option. Als Christin kann ich dem Karfreitag ebenso wenig ausweichen wie der Aufgabe, um Hoffnung zu ringen. Deshalb möchte ich ein paar Gedanken formulieren, die vielleicht helfen, die aktuelle Situation zu tragen, auch zu ertragen, um nicht zu verzweifeln und den größeren Horizont zu verlieren. Aus der Psychotherapie weiß ich, wie wichtig es in schwierigen Situationen ist, sich gerade dann nicht zurückzuziehen, sondern um das Weiterleben zu kämpfen – am besten, gemeinsam mit anderen und für andere!

Die zentrale Antwort auf das Leiden ist praktisch

Die wichtigste Antwort auf die Frage nach dem Leiden ist vor allem eine praktische: Orthopraxie. So sinnvoll und notwendig es ist, auf die Frage nach dem Leid theoretische und theologische Antworten zu finden: Ohne Praxis müssen sich ausschließlich theoretische Versuche der Leid“bewältigung“ fragen lassen, ob sie nicht versuchen, etwas zu kontrollieren, das am Ende niemals zur Gänze in den Griff zu bekommen ist. Sie riskieren, zu rasch über die emotionalen und spirituellen Dimensionen des Leides zu wischen und verpassen vielleicht sogar Chancen, etwas Neues zu lernen. Sie er-klären möglicherweise zu rasch und übersehen Wesentliches, nicht selten das Leid der Anderen.

Aus dem Leiden führt meiner Erfahrung nach der Versuch, wieder ins Handeln zu kommen. Weil dies in der Regel allein nur sehr schwer möglich ist, spielen andere Menschen dabei eine Schlüsselrolle: einander zu trösten, einander begleiten, einander ermutigen, sich nicht passiv einem angeblichen „Schicksal“ zu ergeben, kann hilfreich sein. Auch das Gebet oder Rituale können stärken, denn Handeln bedeutet nicht Aktivismus, sondern sich wieder als Akteur im eigenen Leben erleben zu können. Manchmal bedeutet „Handeln“ auch einfach „nur“, sich dafür zu entscheiden, etwas auszuhalten und zu ertragen. Aber dann bin ich es, die aushält und wartet.

Aber viel öfter, als man es zunächst für möglich hält, kann man etwas tun: für die Nachbarin einkaufen, jemanden anrufen und trösten, sich umsehen, ob man sich in Hilfsprojekte einklinken kann, Briefe an Zeitungen, Politiker, Bischöfe schreiben, oder sich trauen, um Unterstützung zu bitten.

Das Leid der Anderen nicht aus dem Blick verlieren

Um nicht den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren oder in sich selbst zu versinken, ist es auch hilfreich, das Leid der Anderen nicht aus dem Blick verlieren. Den Blick zu heben und sich umzuschauen, verbindet. So können auch die unsichtbar, still Leidenden in den Blick kommen. Auch wenn wir vielleicht jetzt nichts tun können, vergessen wir dadurch nicht, dass wir handeln werden, wenn es wieder möglich ist. Und die Unsichtbaren wissen, dass wir sie nicht vergessen. Menschen sind auch Fürsprecher für das Leid der Anderen. Ist da jemand in meinem Umfeld, der leidet? Wem es halbwegs gut geht, wer Verantwortung trägt, ist hier besonders gefordert.

Diese Sensibilität für die Anderen hilft auch, die Fähigkeit zum Mit-Gefühl zu pflegen. Dieses auch explizit zum Ausdruck zu bringen, kann in seinem Wert und seiner Wirkung gar nicht überschätzt werden. Ein Wort, dass das Schweigen durchbricht, kann lebensstiftend sein. Wie oft verbirgt sich hinter dem Schweigen Leid?

Das Mit-Gefühl mit den weltweit Leidenden stellt uns da sicherlich vor besondere Herausforderungen. Wie soll, ja, kann man überhaupt mit allen Mitleid empfinden? Ich glaube, dass dies nur Gott kann. Wenn ich das versuche, erfassen mich Hilflosigkeit und Ohnmacht. Aber ich glaube, dass diese Gefühle in solchen Situationen Ausdruck des Mitgefühls sind – eines überforderten zwar, aber ihr Ursprung ist das Herz. Ich vermute, dass, wer seine Schwäche nachhaltig abwehrt – weil er „sowieso nichts tun kann“ – auch sein Mit-Gefühl nachhaltig beschädigt.

Groß ist auch die Gefahr der Herzensverhärtung, als Schutz vor diesen Gefühlen. Leiden birgt auch immer die Gefahr, dass Menschen ihren Blick verengen und sich nur mehr auf sich selbst konzentrieren. Die Leidenden außerhalb meiner Familie, meines Bekanntenkreises, meiner Nation geraten schrittweise aus der Wahrnehmung.

Wer möchte, dass wir in den kommenden Monaten und Jahren die weltweit Leidenden nicht vergessen, wird daher deshalb trotz Ohnmacht und Hilflosigkeit immer wieder an sie erinnern müssen. Politikerinnen und Politiker werden wohl nur reagieren und aktiv ihre internationale Politik verändern, wenn sie von möglichst vielen Menschen hören, dass wir auch für die Menschen, die nicht im eigenen Land leben, mitverantwortlich sind. Gerade Österreich, das diese Krise im weltweiten Vergleich gut meistert und wieder aus dieser Krise herauskommen wird, kommt hier eine große Verantwortung zu. Ich persönlich weiß, dass ich mich bei meinem redundanten Einsatz für die Flüchtlinge in Griechenland vor der Erschöpfung meines eigenen Mitgefühls schützen muss. Aber jede mitfühlende Stimme, die ich im öffentlichen Raum höre, gibt mir Kraft zum Weitertun. Wenn es Kirchenverantwortliche sind, hat dies besonderes Gewicht.

Und der Glaube? Welcher Glaube?

Der Glaube, wie ich ihn erlebe, holt mich aus solchen Versenkungen. Nicht meine Vorstellungen, meine Ideen von Gott, sondern die Erinnerung an die Erzählungen in der Bibel vom immer wieder aus Leid, Not und Tod rettenden, befreienden und auferweckenden Gott. Die Erfahrungen der Menschen in der Heiligen Schrift weiten meinen Blick, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ihnen vertraue ich, dass man auf Gott bauen kann. Dieser Glaube ist nicht nur privater Trost für mich, wie eine Droge, die mich beruhigt. Im Gegenteil: Dieser Glaube bringt mich in Bewegung, ermutigt zu Aufbruch und Engagement. Die biblischen Erzählungen bezeugen, dass gerade Leidenssituationen eine große Chance sind, im Glauben zu wachsen. Wäre das nicht eine Spur, die es sich gerade heute zu verfolgen lohnen könnte?

Freilich, durch nichts kann der Glaube so irritiert und beeinträchtigt werden wie die durch das Leiden. Das Bild vom allmächtigen Gott, der alles wie ein Zauberer wieder gut macht, kann schwer erschüttert werden. Aber nähert man sich dem Umgang mit Leiden, wie ihn die Bibel bezeugt, taucht die Frage auf: Ist Leiden nicht auch ein und gerade ein Ort, an dem die Nähe Gottes in besonderer Weise gelernt und erfahren werden kann? Ist Leid nicht ein Ort, der einem helfen kann, sich von kindlichen, naiven Vorstellungen göttlicher Allmacht zu verabschieden und im Glauben erwachsen zu werden?

Denn die Bibel beschönigt und erhöht das Leid nicht, sondern sie benennt es und nimmt es in seinem Drama ernst. Das Leid wird gehört und gesehen: von Gott selbst. „Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid“, spricht Gott zu Moses (Ex 3,7) – und offenbart genau in dieser Situation seinen Namen JHWH, seine immerwährende Präsenz. Damit wird der Exodus eröffnet. Der Weg aus dem Leid beginnt. Vor allem für die Exkludierten.

Sich dem Leiden mit Gott stellen

Leiden kann laut biblischem Zeugnis ein religiöser Lernprozess werden: wenn man es annimmt und durchleidet. Entscheidend ist, dass man die Beziehung zu Gott nicht abbricht, auch wenn man von Gott enttäuscht ist, mit ihm hadert oder vielleicht sogar bitterböse ist. Auch der konfliktive Kontakt mit Gott ist eine Form der Nähe. Was man dabei verliert: Sind es nicht zumeist eigene Vorstellungen von Gott, die mit diesem vielleicht gar nichts zu tun haben? Auch Jesus hat im Leiden den Gehorsam gelernt (Hebr 5,8): nicht im Sinne der Unterwerfung unter einen allmächtigen Schicksalsgott, sondern im Hören auf sein Wort.

Am Karfreitag erinnern sich Christinnen und Christen an den ohnmächtig leidenden und sterbenden Sohn Gottes am Kreuz. Auch er klagt zu Gott: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34) Die Beziehung zu Gott bricht er nicht ab. Aber das Leid nimmt er an.

Sein Tod ereignet sich an der Schnittstelle zwischen den damaligen religiösen und politischen Herrschern, die ihre Macht durch sein Leben und seine Worte bedroht sahen. Sein unschuldiger Tod enthüllt diese Schuldverstrickungen – wie heute der Tod durch Corona auch unsere sozialen und globale Schieflagen enthüllt. Das Leiden eines Einzelnen enthüllt auch immer verstörte Beziehungen, lebensfeindliche Strukturen unserer Welt. Dazu muss man nach den Ursachen fragen. Auch dazu ermutigt das Kreuz.

Viel zu viele Schuldgefühle wurden mit diesem Tod am Kreuz in der Geschichte der Kirche erzeugt. Aber zugleich wurde die Spiritualität des Kreuzes in jener Zeit aktuell, als in Europa die Pest wütete. Damals deutete man das eigene Kreuz als Strafe Gottes. Mittlerweile haben wir eine andere Sicht der Identifikation mit dem leidenden Christus gelernt: Er leidet mit uns mit, er übernimmt einen Teil der Last, er trägt in diesem Sinn unsere Sünden. Das soll uns gerade keine Schuldgefühle einjagen, sondern Last abnehmen.

Diese Identifikation nimmt uns die Leiden nicht ab, aber es kann sie erleichtern. Wir werden ermutigt, dem Leiden nicht auszuweichen, sondern es anzunehmen, anzuerkennen, zu durchleiden. Auferstehung ist dann nicht gleich das „Happy End“, aber durch diesen Prozess können wir psychisch, geistig und spirituell „geöffnet“, geweitet, verwandelt werden, weiterzugehen und auf die Auferweckung durch Gott zu hoffen, die Gott an jedem Menschen und an seiner Menschheit wirken möchte.

Dies ist nicht bloß eine Hoffnung auf individuelles Wohlergehen. Wir werden auferweckt, uns in den nächsten Monaten und Jahren gemeinsam den vielen Problemen nach Corona zu stellen und uns vom Leiden nicht kleinkriegen zu lassen. Freilich, das schaffen wir nur gemeinsam.

Bildquelle: Shutterstock

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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