Digitale Auferstehung? Nachdenken über Ostern und eine digitale Kirche mit Byung-Chul Han (Florian Mayrhofer)

Wir sind an Ostern angelangt. Doch Ostern, wie wir es bisher kannten, gibt es diesmal nicht. Keine großen Familienfeste, kein Oster-Neste-Suchen, keine triumphalen Hochämter in den Kirchen. Corona brachte eine Verlagerung der Kirche ins Digitale mit sich, Auferstehung wird digital gefeiert. Mit Byung-Chul Han denkt Florian Mayrhofer über dieses ganz andere Osterfest und eine digitale Kirche nach.

Von der Kirchenbank ins digitale Netz

Die notwendige physische Distanzierung aufgrund von Corona brachte für die meisten Gläubigen ein bisher nicht gekanntes „Verschwinden der Rituale“, die den liturgischen Höhepunkt des Kirchenjahres ausmachen: Keine Fußwaschung, kein Abendmahl, keine Enthüllung des Kreuzes, kein Osterfeuer, kein Überschreiten der Schwelle der Kirchentür mit dem ‚Lumen Christi‘-Ruf und keine mitgebrachten Kerzen, die das Dunkel mit der kleinen Flamme von der Osterkerze in der Kirche erhellen. Nicht umsonst wurde an allen Ecken und Enden versucht, Fernsehgottesdienste, Live-Streams etc. zu organisieren, um dem irgendwie entgegenwirken zu können. Die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop ist sich daher sicher: „Die Pandemie verändert die Wahrnehmung jahrelang vertrauter Riten.“ Wie, werden wir in einiger Zeit rückblickend besser beurteilen können. Liturgie am Bildschirm oder im Netz ist eine mögliche Alternative. Aber sie ist – so würde Byung-Chul Han an dieser Stelle urteilen – doch nur eine Reduktion auf Bytes und Pixel, auf Datenströme, die nicht fassbar, nicht mit allen Sinnen erlebbar sind. Manche sprechen gar von „Entleiblichung“. Das gegeneinander Ausspielen von Analogem und Digitalem wird der Sache jedoch kaum gerecht, das Verhältnis der beiden ist tiefgründiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

It’s all about communication…

In kritischer Auseinandersetzung mit einer Gegenwart, die stark von Digitalität gekennzeichnet ist, spricht der nicht unumstrittene deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han vom „Verschwinden der Rituale“. Han liefert dabei fruchtbringende Anregungen für eine Auseinandersetzung mit diesem ganz anderen Osterfest und einer Kirche, die eintaucht in die digitale Welt. Dadurch ist sie jedoch auch der Logik des Digitalen ausgesetzt. Was macht diese digitale Welt nach Byung-Chul Han aber aus?

Han ist davon überzeugt: Die digitale Welt schafft eine Gesellschaft der Kommunikation. Die Gesellschaft der Kommunikation stiftet jedoch keine Gemeinschaft. Das klingt zuerst einmal paradox, doch sie stellt „nur Verbindungen“ her, quasi bloße Verlinkung, ermöglicht allerdings keine Beziehung. Vielmehr ist sie eine einzige „Echokammer“ und in dieser hören wir uns unermüdlich selbst reden. Die digitale Echokammer besteht aus Daten und Informationen, aus Einsen und Nullen. Ihnen wohnt „keine Symbolkraft“, kein Sinn, keine Bedeutung inne. In ihnen zerfällt die Zeit „zu bloßer Abfolge punktueller Gegenwart“, die in „serieller Wahrnehmung“ konsumiert und dadurch „extensiv“ ganz und gar ausgedehnt wird. „Die digitale Kommunikation ist eine entkörperlichte Kommunikation“, die zwar nach authentischer Performance schreit und bedingungslose Offenheit und Flexibilität fordert, aber letztlich nichts mit einer Inkorporation, einer Ver-Körperlichung, wie sie das Ritual kennt, gemein hat. Sie zielt zuvorderst auf Masse, doch Masse lässt nach Han nur schwer Gemeinschaft zu. Das Credo der digitalen Kommunikation, so könnte man Han zusammenfassen lautet: ‚Sei laut! Sei offen! Sei flexibel! Sei kommunikativ! Sei ein Performer!‘

Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart

Die Verlagerung von Kirche ins Digitale muss sich diesen Anfragen stellen. Produzieren wir als Kirche in der unüberschaubaren Fülle an Online-Angeboten nichts anderes als das, was Han mit „extensiver“ Kommunikation beschreibt, die ver-braucht und auf Ver-brauch durch ihre Konsument*innen abzielt? Wie kann es gelingen, Kirche digital so zu gestalten, dass ihre Angebote sich nicht der Logik „serieller Wahrnehmung“ hingeben, dass sie die Dinge nicht ‚ver-‘‚ sondern ‚ge-braucht‘? Ja, es braucht digitale Angebote der Kirche – denn sie lassen uns, gerade in Zeiten wie diesen, erahnen, dass es da draußen noch andere gibt, mit denen wir uns verbinden, in Beziehung treten können. Ja es braucht Kirche in einer augmented reality, der erweiterten digitalen Realität, weil auch sie ein Teil unserer Realität geworden ist. Doch wie kann Verbindung gelingen, wie Beziehung hergestellt werden?

Liturgie ist, und das Osterfest macht das Jahr für Jahr deutlich, gerade keine bloße Abfolge punktueller Ereignisse, die additiv aneinander gereiht werden, sondern sie bringt Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart auf einmalige Weise zusammen. Gerade hier liegt das prophetische Potenzial von Ritualen, denn das Ritual verklärt nicht die Vergangenheit, noch zeichnet es eine Zukunft, in der per se alles gut wird. Das Ritual aktualisiert all die Erfahrungen, die bereits Geschichte sind und holt sie in veränderter Weise in die Gegenwart. Das Ritual blickt aber auch in die Zukunft und sagt: die Zukunft beginnt jetzt und es liegt an uns, diese Zukunft zu gestalten. Wir sind der Zukunft nicht schicksalshaft ergeben. Wir alle, Pfarrgemeinden und Gläubige, müssen uns anfragen lassen, ob nicht unser Alltag, unser kirchliches Leben und unser persönlicher Glaube auch in der analogen Welt aus einer bloßen Abfolge punktueller Ereignisse, aus einer Vielzahl kirchlicher Events besteht. Wo ver-gegenwärtige ich die Erfahrungen der Vergangenheit, die Erfahrungen der Brüder und Schwestern im Glauben, wo beginne ich im Jetzt die Zukunft zu gestalten?

Ostern ist der stille Null-Punkt

Karfreitag liegt hinter uns und nach dem ‚Dazwischen‘ des Karsamstages folgt der Ostermorgen. Ostern ist der Null-Punkt, der das Leben abschließt und zugleich einen Neubeginn eröffnet, fern jeglicher Performance und Schnelllebigkeit. Han beschreibt Rituale als Prozesse des „Schließens“. Ohne dieses Schließen ist kein Neubeginn möglich, sondern würde nur zu einer „Hölle des Gleichen“ führen. Ostern ist ein Ritual des Schließens, der stille Null-Punkt von allem. Rituale zeichnet in ihrem inneren Wesen ein kontemplatives Verweilen, eine Stille aus. Wenngleich der Evangelist Matthäus (28,2) als einziger der vier Evangelisten dramaturgisch eindrucksvoll die Auferstehung mit einem Erdbeben einhergehen lässt, laut und gewaltig, ist Ostern eigentlich das genaue Gegenteil davon und das Gegenteil der digitalen Kommunikation, die nur darauf aus ist, möglichst laut in diese Welt hinauszurufen. Vielmehr ist Ostern mit Han gesprochen der Null-Punkt jeglicher Kommunikation, indem erst volle Beziehung möglich wird, weil nicht mehr relevant ist, ob ich authentisch performen kann oder nicht, ob ich offen und flexibel bin, ob ich nur laut genug ‚Ich! Ich!‘ gerufen habe, damit ich wahrgenommen werde. In diesem Null-Punkt der Oster-Stille liegt paradoxerweise die Sprengkraft der Botschaft, ihre Gegen-Erzählung, zu einer Welt, die verglichen dazu nur eine „widerstandslose Glätte“ kennzeichnet, wie Han meint, mit schnellen Durchgängen, fortgesetzten Links und endlosen Klicks.

Geht und erzählt!

In seinem Abschnitt „Fest und Religion“ charakterisiert Han das Christentum als eine Religion der Narration: in ihr wird erzählt. Die Erzählung ist für ihn eine Form des Schließens. Die Festtage sind der narrative Höhepunkt, sie wollen Sinn und Orientierung stiften. Nicht umsonst hören wir in der Kar- und Osterliturgie die zentralen Texte des christlichen Glaubens. Die Erzählung ist dabei keine Aneinanderreihung von Informationen, sondern sie vermittelt Sinn. Sie ist eine Ortsbestimmung und lädt zum Verweilen ein. Eine Erzählung geschieht nicht geschwind, sie ist vielmehr „intensiv“. Wir müssen uns Zeit nehmen und uns fragen, ob wir in unseren Online-Angeboten selbst in dieser Situation der Corona-Krise doch wieder nur performen? Diese Welt braucht jetzt aber keine Performance, denn für viele geht es derzeit ums nackte Überleben. Ostern, egal wie es gefeiert wird, ist keine Performance. Ostern ist ein performativer Akt, ein intensiver Moment der Veränderung – das Wort des Evangeliums verändert die Wirklichkeit, will zuerst mich verändern und durch mich die Welt. Ostern bleibt also nicht stehen in einer Art digitalen Auferstehungsblase, genauso wenig wie der Glaube im sonntäglichen Gottesdienst an den Kirchentüren halt machen darf. Ostern muss ‚ver-körpert‘ werden, so wie Jesus im auferstandenen Leib den Jüngerinnen und Jüngern erscheint, ein Körper mit Wunden und doch ganz verwandelt.

Merkt auf und verbindet!

Diese ‚Ver-körperung‘ kann in Verbindung gebracht werden mit zwei Aspekten, die Han im Rückgriff auf die etymologische Herkunft des Wortes Religion ins Spiel bringt. Religion meint zum Einen ‚relegere‘ – ‚achten bzw. aufmerken‘. Die Kar- und Ostertage lenken die Aufmerksamkeit auf Verleumdung und Verrat, auf das Leiden, auf Tod, aber auch auf Leben und Neubeginn. Wir Christ*innen sind daher aufgefordert unsere Aufmerksamkeit auf die vulnerablen und benachteiligten Menschen zu richten. Hier tut sich Gott sei Dank viel Gutes in unserer Gesellschaft, viel wird getan, um ‚neues‘ Leben und einen ‚Neubeginn‘ für viele Menschen möglich zu machen! Zum Anderen verweist Han auf die Bedeutung von Religion als ‚religare‘, das in etwa ‚binden‘ meint. Religion stellt eine Verbindung her, eine Beziehung. Und hier ist gerade an Ostern der Aufruf an uns alle: nicht die Kommunikation, nicht die Performance soll im Vordergrund stehen, sondern die Beziehung mit jenen, die jetzt besonders der Beziehung bedürfen. Dies könnte aber auch bedeuten, sich der weltweiten Verbindung der Menschen untereinander noch bewusster zu werden und endlich abzukehren von einer blinden, an nationalen oder kontinentalen Grenzen stehenbleibenden Perspektive, und als Weltgemeinschaft nicht nur die Bedrohung durch das Corona-Virus in den Griff zu bekommen, sondern sich endlich jenen ökonomischen, politischen und ökologischen Herausforderungen zu widmen, die vor Corona da waren und nach Corona noch immer da sein werden.

Autor: Florian Mayrhofer

Literatur: Byung-Chul Han (2019): Vom Verschwinden der Rituale, Berlin: Ullstein.

Bild: Bild von Thomas Ulrich auf Pixabay

Veröffentlicht von Florian Mayrhofer

ist Universitätsassistent (prae doc) am Institut für Praktische Theologie und promoviert im Fachbereich Religionspädagogik und Katechetik über den Zusammenhang von Digitalisierung und religiöser Bildung

Ein Kommentar zu “Digitale Auferstehung? Nachdenken über Ostern und eine digitale Kirche mit Byung-Chul Han (Florian Mayrhofer)

  1. Ich habe gestern auch einen Text zu dieser Frage verfasst, weil ich die theologische Reflexion der durch die aktuelle Krise beschleunigten Praxis wichtig finde. Ganz verstehe ich aber nicht: Warum geht es nicht um Kommunikation? Nach meinem Kommunikationsverständnis ist jede Offenbarung ein kommunikatives Geschehen, basieren speziell Schriftreligionen auf Medien und äußert sich letztlich Liebe immer kommunikativ. Ja, es geht um Beziehungen, zwischen Menschen untereinander und mit Gott – für mich sind Beziehungen ohne Kommunikation undenkbar.
    Und wie kann man sagen: Rituale sind keine Performance, aber Ostern sei ein performativer Akt?
    Und last but not least: Das Wesentliche hängt nicht von dem ab, was viele noch immer als real oder virtuell unterscheiden. Die digitalen Welten sind auch Räume und Orte der Anwesenheit Gottes – und das gilt es aus pastoraler Sicht zu entdecken, wertzuschätzen und in christlichem Geist präsent zu sein.

    A propos Kommunikation: Ich finde theocare hervorragend, habe viel gelesen und auch schon einige Male kommentiert – allerdings bis dato noch nie eine Reaktion bekommen ?!? Es wäre auch toll, wenn man nicht jedes Mal seine/ihre Daten eingeben müsste.

    Frohe Ostern 2020 – Georg Plank, Pastoralinnovation

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