Hoffnung statt Isolation (Gastautor: Rainald Tippow)

Einblick in die Erfahrungen der Caritas gibt in diesem Blog der Leiter der „PfarrCaritas und Nächstenhilfe“ der Erzdiözese Wien, Dr. Rainald Tippow. Der Theologe wünscht sich in der aktuellen Situation mit Papst Franziskus eine Kirche, die ihren Ort an der Seite jener einnimmt, die derzeit unter Corona am meisten leiden.

„Die Caritas ist schon auch irgendwie Teil der Kirche“ ist das, was uns hinter verschlossenen kirchlichen Türen, in aller Regel gegen Ende einer Diskussion über die Kirchlichkeit christlichen Solidarhandelns zugestanden wird. Im „Teil der Kirche“ verbirgt sich die noch größere Keule als im „schon auch irgendwie“. Denn Caritas ist nicht Teil der Kirche. Und sie ist es nicht „schon auch irgendwie“. Caritas ist Kirche. Wesenszug von Kirche, wenn man dem theologisch unverdächtigen Benedikt XVI glauben darf: „Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern er gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst.“ (Deus caritas est 25a).

Derzeit erleben viele Menschen eine Form des Ausnahmezustands, wie ihn in dieser gesellschaftlichen Breite bestenfalls noch einige Hochaltrige oder Menschen mit Fluchterfahrung aus Krisengebieten kennen. Die Corona-Pandemie hat für manche von uns Kirchlichen eine Signalwirkung: Schließen wir unseren Rückzug aus der Welt endgültig ab? Gehen wir in die Isolation?  Bleiben wir beim Kreisen um unsere Strukturfragen? Geben wir unsere Antworten auf der Ebene eines erstarrten Kulturchristentums?

Innerkirchlich (und nur dort) wird viel über die Frage der Sakramente und der Zugang zu ihnen in Zeiten von Corona diskutiert. Einen großen Teil der Gesellschaft berührt das wenig. Als Leiter einer Caritaseinrichtung, die von weinenden Alleinerzieherinnen kontaktiert wird, mit Wohnungskündigungen zu tun hat, Angehörigen, deren Geliebte einsam versterben, Hungernden, die auf Lebensmittelausgaben angewiesen sind, Trauernden, die der Suizid des einzigen Familienmitglieds aus der Lebensbahn geworfen hat, habe ich tagtäglich mit einem anderen Sakramentenverständnis zu tun. Mit einem Sakrament, das ein Heilszeichen ist, mit Jesus Christus als Ursakrament, mit Jesus Christus, dem ich im Armen, Ausgegrenzten, im Hungrigen und Obdachlosen begegnen kann.

In den ersten drei Wochen des Ausnahmezustands haben sich bei der Caritas Wien mehr als 3.200 Menschen gemeldet, die anderen helfen, Einsame anrufen, für gefährdete Menschen Einkäufe erledigen wollen. Sie machen das aus allen möglichen Motiven, religiös, humanistisch oder einfach, „weil es sich so gehört“. Intuitiv tun sie genau das, worauf es ankommt. Viele junge Menschen sind dabei. Wir konnten ganze Lebensmittelausgabestellen neu aufbauen, weil manche bis dahin dort tätigen Freiwilligen – als zur Risikogruppe gehörig – ersetzt werden konnten.

Wenn Kirchenvertreter jammern, dass der Glaube verdunstet ist, so können sie aufhören zu jammern und zu jubeln beginnen, denn ganz unerwartet hat sich der Dunst des Christlichen niedergeschlagen. In den Lebensmittelausgabestellen, den Wärmestuben, den stundenlangen Trauergesprächen. Unzählige neue Freiwillige leben den Spirit des Barmherzigen Samariters, sehen Not und handeln, begegnen dem Göttlichen im Armen.

Wenn Krisen generell wie eine Lupe systemischer Versäumnisse, aber auch vorangegangene Weitsicht besser sichtbar machen, so gilt das für unsere derzeitige Corona Krise in ihrer gigantischen Dimension umso mehr. Wir haben Pfarrgemeinden, die einfach da sind für andere, vor Ideen sprühen, Hilfe geben, neue Projekte aufsetzen. Aber wir haben auch jenes Kirchenverständnis, das mir eine erschütterte Seelsorgerin berichtet hat: der Priester einer Gemeinde fährt in sein Heimatland, weil durch den Ausfall der Messe hier ja ohnehin nichts mehr zu tun ist.

Zuspätkommende werden durch die Geschichte bestraft. Ob vor diesem Hintergrund eine kirchliche Strategie zur Strafvermeidung aufgehen kann, wenn man gleich gar nicht kommt, möchte ich bezweifeln.

Es ist gut und wichtig, dass man die Fragen nach Gottesdienstteilnahmen während der Corona Pandemie klärt. Es mag auch etwas Gutes haben, dass es ein Dekret der Apostolischen Pönitentiarie über die Gewährung besonderer Ablässe gibt. Zweifellos resultiert daraus Lebenshilfe für Menschen, die derzeit leiden. Aber machen wir uns doch klar, dass damit allein auf die Fragen und Probleme in einer säkularen Gesellschaft nicht einmal annähernd reagiert wird.

Salz der Erde und Licht der Welt, sowie gesellschaftsverändernder Sauerteig, wird die Kirche nicht, indem sie erstarrtes Kulturchristentum in einer Sprache aufbereitet, gegen die sich jedes Rechtschreibprogramm wehrt und deren Spezialausdrücke in kaum einem Wörterbuch zu finden sind. Salz der Erde und Licht der Welt wird die Kirche besonders dann, wenn sie an der Seite der Leidenden steht und das Leid aushält. Wenn sie das Wort ergreift zugunsten jener, deren Verzweiflung hinter den nackten Zahlen der Arbeitslosenstatistik steht. Wenn sie keine Antworten mehr geben, aber mit den Weinenden weinen kann.

Was wünscht sich daher ein Theologe, der im Dienst jener Kirche steht, deren Gott Caritas heißt? Eine Ernstnahme der Christusbegegnung im Armen. Eine Kirche, die nicht vor den Menschen flieht, eine Kirche, die Hoffnung lebt, weil sie bei den Hoffnungslosen ausharrt. Eine Kirche, die sich in keine selbstgewähltes Isolation begibt, die nicht für den heiligen Rest, sondern für alle Menschen da ist. Oder mit den Worten von Papst Franziskus: „Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ (Evangelii Gaudium 49)

Möge dadurch eine ebenfalls von Franziskus stammende Prophezeiung ihre aufrüttelnde Wirkung entfalten: „Jede beliebige Gemeinschaft in der Kirche, die beansprucht, in ihrer Ruhe zu verharren, ohne sich kreativ darum zu kümmern und wirksam daran mitzuarbeiten, dass die Armen in Würde leben können und niemand ausgeschlossen wird, läuft die Gefahr der Auflösung, auch wenn sie über soziale Themen spricht und die Regierungen kritisiert. Sie wird schließlich leicht in einer mit religiösen Übungen, unfruchtbaren Versammlungen und leeren Reden heuchlerisch verborgenen spirituellen Weltlichkeit untergehen.“ (Evangelii Gaudium 207).

Bildquelle: PfarrCaritas und Nächstenhilfe der ED Wien

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

Ein Kommentar zu “Hoffnung statt Isolation (Gastautor: Rainald Tippow)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: