Corona-Müdigkeit (Ioan Moga)

Unser erster Blog im neuen Jahr hat lange auf sich warten lassen. Viele unserer Autorinnen und Autoren sind „corona-müde“. Unser Kollege Ioan Moga hat sich trotzdem die Mühe gemacht, seine Müdigkeit zu beschreiben – sehr persönlich und sehr theologisch.

Corona-Müdigkeit ist in aller Munde. Die neue Diagnose steht fest: Wir sind Corona-müde. Selbst Politiker üben sich seit einiger Zeit in affektiver, mütterlicher Rhetorik: „Wir wissen, Sie sind Corona-müde. Halten Sie durch, es kann nur besser werden! Im Sommer ist alles wieder gut!“ Andere bleiben trügerisch objektiv: „Es ist eine Corona-Müdigkeit eingetreten“. Was nun? Wie können wir uns von so viel und zugleich so empathisch zugelassener Müdigkeit erholen? Und wer unterstützt uns dabei?

Ein Jahr in der Pandemie-Achterbahn macht in der Tat müde. Aber auf recht unterschiedliche Art. Höchste Zeit, die müden Schichten des Selbst Revue passieren zu lassen? Nein, bitte, keine Psychologie. Die psychotherapeutischen Praxen sind ohnedies schon voll, natürlich digital. Auch keine Selbsterfahrung-Theologie. Einfach nur ein Stück Subjektivität.

Wenn uns schon Corona-Müdigkeit zuerkannt wird, dann richtig: Die eine verzweifelt an ihrer Arbeitslosigkeit und ist ihrer Vier-Wände-Armut müde. Der andere ist seiner gebremsten Rund-um-die-Welt-Fliegen-und-Urlaubsgewohnheiten müde. Ich spreche deshalb hier nicht von „uns“, sondern von „mir“, ganz subjektiv. Denn Jedermanns-Müdigkeit ist anders. In ihrer relationalen Mehrschichtigkeit aber vielleicht doch ähnlich. Ich beziehe mich hier nur auf drei Fronten oder Schichten, die mir meine Corona-Müdigkeit bewusst macht – und wie sehr sie mir zu schaffen macht: Welt, Kirche, Familie.

I Welt-Corona-Müdigkeit

Ich bin einer Welt müde, die mich seit einem Jahr mit der Objektivität des Katastrophischen dieser Pandemie zuerst in Atem hält, dann aber paralysiert, letztendlich aber auch im Stich lässt. Von Wuhan und Italien vor einem Jahr bis hin zur Impfknappheit und den Virus-Mutationen jetzt. Und dabei täglich die – meistens – besorgniserregenden Zahlen. Todeszahlen vor allem, die so überwältigend sind, dass man kaum noch trauern kann. Auch die Angst ist erstarrt. Irgendwann wird man zum Stoiker: Es geschehe, was es wolle. Irgendwann bin ich an der Reihe. Ich erwache aus dieser Lähmung nur, wenn ein Nächster zum Betroffenen wird. Dann sind Sorge, Fürsorge, Angst, Gebet, Mithilfe, Freude (wenn das gut geht) wieder da. Ich werde – für kurze Zeit – wieder zum Menschen. Danach aber ersticke ich erneut in Zahlen, konsumiere weiterhin das pandemische Böse, ohne leiden zu müssen. Da ich mit Verschwörungstheorien nichts anfangen kann, aber auch allergisch auf die alltägliche Demagogie bin (man „entdeckt“ den allgemeinen Nutzen der FFP2-Masken erst Ende Jänner 2021???), hat mein Selbst gegenüber einer solchen Welt kaum Optionen gegen die Corona-Müdigkeit. Die „bad-news“-Bulimie frisst irgendwann den Fresser selbst. Die kleinen Impulse für mehr Solidarität und Zusammenhalt (ja, ich halte mich an die Regeln!) oder die kleinen Hoffnungszeichen die ich (ich wollte gerade „wir“ schreiben) auf der Weltbühne sehe – die geben mir keine richtige Kraft. Die Weltbühne kann auch ohne mich Weltbühne sein.

Welt-Corona-Müdigkeit wird schnell zur Depression oder zum Ärger. Wohin damit?

II Kirche-Corona-Müdigkeit

Ich bin der kirchlichen Realität der ständigen Anpassung und Schönwetter-Idylle und der akademisch-theologischen Diskurse der klugen Besserwisserei müde. Gegenüber der „bad-news“-Strategie der Weltpresse, treten mir die kirchlichen Medien meistens mit „good-self-news“ entgegen. Die vielen gutgemeinten Maßnahmen-Kataloge zeigen uns, wie gut die Kirchen die Corona-Krise managen. Doch, „real news“ wären mir lieber: „Nicht-öffentliche Gottesdienste“ sind für das Kirche-Sein kein marginaler Schmerz, sie sind eine tiefe, sehr tiefe Wunde. Denn nicht die private Eucharistie oder die Feier im kleinsten, ausgewählten Kreis macht die Kirche aus, sondern die Versammlung aller in der Eucharistie. „Liturgie“ ist öffentliches Werk und Wirken schon von der Etymologie her. Digitale Gottesdienste verschlimmern – für mich – diesen Zustand: Die Grenze zum Doketismus ist kaum noch zu unterscheiden. Ich sehe am Bildschirm, was ich nicht berühren, schmecken, empfangen kann. Hybride Gottesdienste, digitale Kommunion, Tele-Church sind der neue Trend. Geht es noch?

Ja, ich kenne die vielen gutgemeinten, pastoralen Gegen-Diskurse. Dennoch kann eine eucharistische Sehnsucht nicht mit einer „good-news“-Strategie gelindert werden. Solche Analgetika haben für mich zu viele Nebenwirkungen. Der zu nahe, körperliche zwischenmenschliche Kontakt kann – auf Zeit, aus medizinischen Gründen – für nicht empfehlenswert erklärt werden. Der Gott-menschliche Kontakt darf aber die leibliche Realität der Eucharistie nicht für obsolet erklären. Ich ersehne mich nach mehr Haltung, die – wie im Diognet-Brief – sowohl der Gesellschaft als auch dem himmlischen Ruf gerecht wird. Nach mehr Hirten, die offen kommunizieren können und wollen. Ich sehne mich aber auch nach verrückten Lösungen: etwa, nach eucharistischem Open-Air-„Sport“. Wenn Skifahren auf der Piste und Schlittschuhlaufen vor dem Rathaus möglich sind: Warum nicht auch Eucharistie auf dem Kirchenplatz? Kirchen, die ständig nur von „good-news“ wissen, während die Menschen in einem ewigen Karsamstag aushalten müssen – das kann nicht gut gehen. Christus ist „ad inferos“ hinabgestiegen, hat nicht am Grabesrand ruhig gewartet, bis es Ostersonntag wurde. Ich bin dieses Abwarten- und Geduldsparadigmas müde. Dabei bin ich Teil davon, so wie ich Teil der Welt bin.

Noch müder (sogar satt) machen mich die vielen Impfgegner und Verschwörungstheoretiker, -mystiker und -apokalyptiker in unseren Kirchen: Wenn es überhaupt so wäre, dann ist für einen Christen, für eine Christin die Apokalypse ein Vorspann der Zweiten Wiederkunft Christi. Also, wo läge das Problem? Wir hätten Grund zur Freude. Naherwartung pur. Aber nein, die Verschwörungstheoretiker sind weltlicher als die Weltregierung, an die sie glauben.

Kirche(n)-Corona-Müdigkeit wird schnell zur frustrierten Einsamkeit oder sogar Entkirchlichung. Wohin damit?

III Familien-Corona-Müdigkeit

Ich bin des homeschoolings und homeoffices müde. Vor allem aber ermüden mich die Erfolgsstorys darüber. Meistens schreiben natürlich Singles darüber. Ich bin ewig dankbar für unsere vier Kinder. Aber ich sehe, wie sie an dieser neuen Normalität leiden. Kinder macht unsere Corona-Ausweglosigkeit krank, nicht nur müde. Sicher, wir haben auch Schönes erfahren dürfen: mehr Familienzeit, mehr Miteinander. Es gibt immer Auswege, es gibt Tugenden in der Not. Aber auch ein Paradies kann zur Hölle werden, wenn es umzäunt ist. Es muss nicht Stacheldraht sein, auch undurchsichtige Grünlaub-Zäune sind Zäune. Und die wiederholten, immer wieder verlängerten Lockdowns sind solche Zäune.

Familiäre Corona-Müdigkeit ist von allen dreien am leichtesten zu ertragen. Denn es gibt hierin die täglichen Gnadenmomente. Sie bleibt dennoch bitter, gerade wenn man den Kindern den Spagat zwischen gesundem Menschenverstand und verschiedenen widersprüchlichen Entwicklungen vermitteln muss.

Entdeckung

Beim „Häuten der Zwiebel“ (G. Gras) meiner Corona-Müdigkeit, entdecke ich etwas, wo das Corona-Jahr keine Abnützungserscheinung hinterlassen hat. Im Gegenteil, es wurde in seiner Realität klarer. Je größer die Müdigkeit, desto freier die Sicht darauf. Ich nenne „es“ jetzt mal unbedarft: Christus, auch wenn das pathetisch, hochmütig und pseudomystisch klingen mag.

Man kann neutestamentlich mit dem Stichwort „Christus – Müdigkeit“ durchaus etwas anfangen: etwa, der Ruf an die Mühseligen (Mt 11, 28: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken“), wobei dieser Ruf kein Relax-Versprechen beinhaltet. Im Gegenteil, die von Christus versprochene Erquickung setzt voraus, dass man „sein Joch auf sich nimmt“ (Mt 11, 29): Erst dann ist Ruhe eine tröstliche Perspektive.

Also, die oben beschriebene Müdigkeit als spirituelle Erfahrung nehmen, dann wird´s besser? Kann gut sein.

Meine Erfahrung: Die Corona-Müdigkeit war und ist für mich eine Wüstenerfahrung. Un-freiwilliger Verzicht auf vieles, was zur Normalität meines Selbst gehört. Ohne es zu wollen, ermöglicht mir die ganze Situation, das zu verstehen, was Siluan der Athonit (+1938) zum Motto seiner geistigen Erfahrung machte: „Halte deinen Geist/Verstand in der Hölle und verzweifle nicht.“ Deshalb bin ich dankbar. Nicht für Corona, das wäre zynisch. Natürlich will ich – wie jede und jeder – aus dieser Corona-Krise heraus, die uns umgibt.. Aber ich bin dankbar für das, was sie geistig ausgelöst hat.

Allerdings ist das eine Momentaufnahme: „…und verzweifle nicht“ zeigt die ganze Fragilität dieses Zustands. Was kommt nach der Corona-Müdigkeit?

Ass.-Prof. Dr. Ioan Moga vertritt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien die orthodoxe Theologie.

Bild: Ioan Moga

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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