Frei sein heißt: Du hast die Wahl – und die Verantwortung! (Gunter Prüller-Jagenteufel)

„Freiheit“ ist ein zentraler Wert unserer Gesellschaft. Die für viele anstrengenden Lockdowns lassen uns ihre aktuellen Einschränkungen deutlich spüren und sind belastend. Aber ist sie deshalb bedroht? Und was ist Freiheit eigentlich? Gunter Prüller-Jagenteufel geht diesen Fragen auf die Spur und erinnert aus ethischer Perspektive an das komplexe Wesen der Freiheit.

Ist die Freiheit in Gefahr? Wer die Demonstrationen vor Augen hat, die vor einer „Corona-Diktatur“ warnen – Lockdown als Anschlag auf die verfassungsmäßigen Grundfreiheiten –, könnte diesen Eindruck gewinnen. Der so geäußerte Widerspruch führt aber absurderweise in einen Selbst-Widerspruch: Die Verweigerung der Freiheitseinschränkungen führt dazu, dass diese umso länger nötig sind. Natürlich stimmt es: „Die Menschen sind der Pandemie müde“, sie „tragen die Maßnahmen nicht mehr mit“ und „wollen endlich wieder normal leben“. Wer möchte das nicht? Aber haben wir eine Wahl? Wenn ja: zwischen welchen Alternativen?

„Ich will aber!“ bzw. „Ich will nicht mehr!“, davon können Eltern von Vorschulkindern ein Lied singen. So etwas von Erwachsenen zu hören, mutet jedoch allenfalls infantil an. Da akzeptieren wir eher schon ein: „Ich habe keine Lust mehr!“, was allerdings meist ein seufzendes Sich-drein-Fügen bedeutet. Haben wir also gar keine Wahl? Wie steht es jetzt also mit unserer heiß geliebten und ersehnten, oft beschworenen Freiheit? Um dieser Frage näher auf die Spur zu kommen ist ein tieferer Blick in das Wesen unserer Freiheit(en) nötig.

Der freie Wille ist mehr als ein bloßer Wunsch

Immanuel Kant, der große Denker des freien Willens, hält gleich zu Beginn seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ fest, dass der Wille „freilich nicht etwa ein bloßer Wunsch“ ist, „sondern die Aufbietung aller Mittel, soweit sie in unserer Gewalt sind“. Wünschen kann ich vieles, z.B. dass ich eine Sechs im Lotto gewinne. Aber „wollen“ kann ich das nicht, würde Kant einwerfen, weil es nicht in meinen Möglichkeiten steht (und darüber hinaus extrem unwahrscheinlich ist). Das mag eine narzisstische Kränkung bedeuten, aber damit muss ich leben.

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat davon gesprochen, dass sich eine gesunde Person dadurch auszeichnet, dass sie das Lustprinzip durch das Realitätsprinzip modifiziert. Nur so kann nämlich aus dem bloßen Wunsch ein kreativer Wille werden, der die Wirklichkeit verändert. So wurde der jahrtausendealte „Traum vom Fliegen“ Wirklichkeit, als das Flugzeug erfunden wurde. Heute können die meisten von uns fliegen – mit den entsprechenden technischen Hilfsmitteln, versteht sich.

Freiheit bewegt sich also zuallererst im Rahmen des Möglichen: Wählen kann ich nur zwischen Alternativen, die auch realistisch sind. Und diese Alternativen sind meist komplex miteinander verkoppelt: Wir haben die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: (1.) Wir halten uns an die – wissenschaftlich wohl begründeten – Covid-Maßnahmen oder (2.) wir nehmen in Kauf, dass die Pandemie Ausmaße erreicht, die unser Gesundheitssystem zusammenbrechen lassen. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht – zumindest so lange nicht, bis eine ausreichend hohe Durchimpfungsrate erreicht ist.

Natürlich kann man diesen Zusammenhang auch leugnen. Allerdings hat man dann den Boden der gesicherten Erkenntnis, d.h. die Realität und die Vernunft, hinter sich gelassen. Freiheit ist aber nur dann Freiheit, wenn sie auch vernünftig ist.

Du hast die Wahl, das heißt, du musst dich für etwas entscheiden

Ein zweiter Gedanke: Die Freiheit von Zwang, also die negative Freiheit, ist wesentlich, aber für sich allein ist sie noch gar nichts. Denn gegen Zwang wehre ich mich ja deshalb, weil man mir etwas verbietet, eine Möglichkeit verbaut. Es geht in der Freiheit also tatsächlich um etwas, Kant nennt das die positive Freiheit: dieFreiheit etwas zu verwirklichen. Und hier zeigt die Freiheit ihre paradoxe Struktur: Um in Freiheit etwas zu verwirklichen, bin ich gezwungen, anderes außen vor zu lassen und mich an dieses eine, für das ich mich entschieden habe, zu binden. Die freie Wahl macht also in gewissem Sinne unfrei.

Ein Beispiel: Ich habe die Wahl, ein gewisses Maß an Talent vorausgesetzt, ein Musikinstrument zu erlernen. Ich habe die Wahl: Entscheide ich mich z.B. dafür, Klavier spielen zu lernen, muss ich wohl oder übel auf das Cello, die Posaune etc. verzichten. Für die hätte ich vielleicht auch Talent; aber um wirklich gut zu spielen, muss ich mich konzentrieren, muss üben – auch, wenn ich gerade keine Lust habe. Dann und nur dann werde ich das Ziel, das ich mir selbst gesteckt habe, auch erreichen. Mit jeder Wahl entscheide ich mich also gegen andere Möglichkeiten und trage die Konsequenzen.

Freiheit kann also nicht in der Unverbindlichkeit bleiben. Wer die Wahl hat, muss sich auch entscheiden, und zwar konsequent. Wer heute Klavier spielen möchte, und morgen Fußball, und übermorgen Dressurreiten und dann vielleicht Aquarellmalen, wird am Ende zwar Zeit verbracht – „totgeschlagen“– haben, aber wohl nichts erreicht.

Du hast die Wahl, das heißt, du trägst die Verantwortung

Ich habe die Wahl! Habe ich damit nicht auch das Recht auf Unvernunft, auf Realitätsverweigerung? Bis zu einem gewissen Grad wohl schon. In einer liberalen Gesellschaft wird niemand zu seinem Glück gezwungen. Aber – so die jahrtausendealte Erfahrung der Menschen – Glück besteht nicht in der Unverbindlichkeit, sondern in der Kreativität: dass ich etwas geschafft/geschaffen habe, das mich mit Freude erfüllt. Und das – so die Philosophie der Aufklärung, die unserer demokratischen Gesellschaft zu Grunde liegt – gelingt nur im Rahmen der Vernunft.

Zumindest darf meine Unvernunft nicht so weit gehen, dass dadurch andere gefährdet oder geschädigt werden. Denn wenn ich die Wahl habe, dann trage ich auch die Verantwortung für das, was ich tue. Meine Freiheit korrespondiert mit Pflichten; jedenfalls mit der Pflicht, die anderen ebenso zu achten wie mich selbst. Und da stoßen wir dann unversehens auf den Kern unseres Glaubens: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ (Mt 7,12)

Ao. Univ.-Prof. Dr. Gunter Prüller-Jagenteufel ist theologischer Ethiker am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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