ReIigionsunterricht aktuell: Gefordert? Überfordert? Relevant? (Andrea Lehner-Hartmann)

Im vorliegenden Beitrag widmet sich die Religionspädagogin Andrea Lehner-Hartmann der Problemanzeige, dass die aktuelle Situation auch eine Relevanzfrage für den Religionsunterricht darstellt und gibt am Beispiel von Nächstenliebe und Solidarität Gedankenimpulse.

Schule ist mehr als Lernen in Gegenständen

Corona hat den Schulen und damit auch den Lehrpersonen wie Schüler*innen nicht viel Zeit gelassen, sich auf die Herausforderungen des Home-learnings einzustellen. In den politischen Statements und Diskussionen dazu steht oftmals im Vordergrund, wie die Schüler*innen an bestimmte Inhalte gelangen können und wie gesichert werden kann, dass die Vorgaben der Lehrpläne erfüllt werden, bzw. wie formale Abschlüsse wie die Matura erreicht werden können. Dabei wird oftmals übersehen, dass es bei Schule nicht allein um das Lernen von bestimmten Fachinhalten in bestimmten Gegenständen geht. Schule ist mehr: Schule ist ein Lebensraum, wo man Freund*innen trifft, sich in der Peer-group zu inszenieren lernt und sich als zugehörig oder auch nicht erfährt. Für manche ist Schule auch ein wichtiger Ort, der Struktur und Sicherheit sowie Orientierung gibt und eine Auszeit von familiären, geschwisterlichen Spannungen und Verantwortlichkeiten (beispielsweise wenn man einen kranken Elternteil oder chronisch kranke Geschwister zu Hause hat) oder den Erfahrungen von Gewalt, Krieg und Flucht gewährt. Es ist ein Ort, wo man gemeinsam mit Lehrer*innen über den Fachunterricht hinaus ins Gespräch kommen kann, auch Sorgen besprechen kann, sich in Festen und Feierlichkeiten als Schulgemeinschaft erfahren kann und wichtige Impulse und Perspektiven für das eigene (Berufs)Leben erhält. Es muss nicht verschwiegen werden, dass für manche Kinder und Jugendliche Schule auch ein Ort der Angst, der Gewalt und der Demütigung ist. Sie atmen vielleicht auf, jetzt nicht direkt vor Ort sein zu müssen – wenngleich sie vor diesen negativen Erfahrungen weiterhin auch über soziale Medien betroffen sein können. Schule ist außerdem als ein Ort gedacht, an dem man lernt, autonome Entscheidungen zu treffen und sich in einer demokratischen Kultur einzuüben. Was bleibt mit diesen Funktionen und Zielen von Schule in dieser Krisenzeit von Corona und was bedeutet dies für Fächer wie Religion?

Reli – aktuell relevant?

Neben technischen Fragen und der Suche nach geeigneten Unterlagen dürfen didaktische Überlegungen nicht zu kurz kommen. Eine zentrale didaktische Frage derzeit lautet: wie können Schüler*innen in ihren Lebenssituationen, die von Reaktionen wie „Juhu, kein Schule“ über „Wenn keine Schule mehr ist, muss etwas Schlimmes passiert sein“ bis hin zu „meine Mutter weint die ganze Zeit, weil sie keine Arbeit mehr hat und ich habe Angst, dass wir demnächst nicht mehr hier wohnen können“ reichen können, bildend begleitet werden? Und was hat Religion hier anzubieten?

Der Religionsunterricht ist in Zeiten wie diesen herausgefordert, zu beweisen, dass er Relevanz hat und wenn er es nicht kann, dann wird er auf kurz oder lang keinen Platz in der Schule (mehr) haben. Und die Relevanzfrage wird sich nicht daran messen lassen, ob den Schüler*innen jetzt in Konkurrenz mit anderen Unterrichtsgegenständen die Aneignung von möglichst viel sachkundlichem Wissen über diverse Arbeitsblätter, Zusammenfassungen, Apps (wie reli.check!) heruntergeladenen Materialien (die Fülle der Links ist fast unüberschaubar geworden), etc. abverlangt wird. Sie wird sich auch nicht daran messen lassen, ob das Angebotene „gefällt“, sondern ob es gelingt, den Schüler*innen ein Forum zu bieten, wo sie den relevanten Fragestellungen, die sich angesichts der Krise auftun, anhand von qualitätsvoll ausgewählten oder erstellten Unterlagen nachgehen können, wo sie sich mit ihren Sorgen angesprochen und verstanden fühlen, wo sie sich angestoßen durch die eingespielten Impulse den existenziellen Fragen stellen lernen und stellen trauen und wo sie mit anderen darüber in Austausch treten können. Themen wie Nächstenliebe, Solidarität bis hin zur Theodizeefrage bieten sich geradezu an.

Beispiel Nächstenliebe und Solidarität

Nächstenliebe sowie Solidarität sind Stichworte, die sich derzeit allerorts finden lassen und oftmals synonym verwendet werden. Sie finden sich sowohl in Aufforderungen an die Menschen, sie zu praktizieren als auch in suggestiv formulierten Zukunftsprognosen, die uns versprechen wollen, dass wir aus der Krise im sozialen Zusammenhalt gestärkt herausgehen werden. Aus christlicher Perspektive lässt sich hier gut anknüpfen. Am Beispiel einer gut funktionierenden Caritas und Diakonie, die Nächstenliebe und Solidarität in Taten konkret werden lassen und die auch junge Menschen überzeugen, lässt sich gut aufzeigen, worin das Wesen von Nächstenliebe besteht. Die weltumspannende christliche Heilsbotschaft bleibt nicht an den Toren der eigenen Familie oder Nation stehen, sondern frei nach Ps 18 lassen sich mit Gott Mauern und Grenzen überspringen. Der Blick verengt sich nicht auf die Einschränkungen des eigenen Lebens, den Schutz der eigenen Familienmitglieder, sondern öffnet sich für das Leid der anderen, verweist auf die Verantwortung ihnen gegenüber und spannt dabei den Blick rund um den Globus.

Bildungsprozesse, die auf die Relevanz von christlicher Religion abzielen, müssen aufzeigen, dass sich unter einem christlichen Etikett auch so manche Irrlehre einschleicht. Vorsicht ist gerade jenen gegenüber geboten, die sich als Bewahrer*innen eines kulturellen Christentums verstehen und christliche Religion – sinnentleert –  oftmals als ideologischen Schutzschild gegen andere wenden, um sie auszugrenzen, konkret um sie in Kriegsgebieten und Flüchtlingslagern sterben zu lassen. Wenn in diesen Tagen bei Pressekonferenzen Nächstenliebe und Solidarität wie Beschwörungsformeln verwendet werden, gleichzeitig aber Nächstenliebe und Solidarität geflüchteten Kindern und Jugendlichen an den Grenzen, wenn sie kein Gesundheitszeugnis mitbringen können – welch ein Zynismus! – verweigert werden, dann ist von jenen, die sich religiöser Bildung verschrieben haben, Orientierung verlangt. Kinder und Jugendliche fordern sie oft auch konkret ein, wenn sie fragen, warum diesen Kindern nicht geholfen wird, warum ein Klassenkamerad wieder zurück in ein Kriegsgebiet muss. Arbeitsblätter, wo man Bibelstellen zu Nächstenliebe suchen oder ausfüllen muss sowie fromme Verlegenheitsantworten oder Vertröstungen helfen hier nicht weiter. Sie werden vielmehr jenen Stimmen zuarbeiten, die Religion als irrelevant ansehen.

Impuls

Wie wäre es, wenn Religionslehrer*innen sich gemeinsam mit den Schüler*innen auf den Weg machen, um die Begriffe von Solidarität und Nächstenliebe zu fassen und zu konturieren. Dazu können öffentliche Aussagen gesammelt werden (z.B. in den vielerorts angeregten Corona-Tagebüchern), auf ihren Aussagegehalt hin gedeutet und mit mit biblischen Aussagen (z.B. Mt 25,31-40) oder auch den aktuellen Appellen von Papst Franziskus konfrontiert werden. Als Lernziele können damit verfolgt werden:

  1. dass Schüler*innen egoistische Interessen, die in manchen Situationen durchaus ihre Berechtigung haben können, von Nächstenliebe und Solidarität unterscheiden können
  2. dass Religionslehrerinnen und Schülerinnen hellhörig dafür werden, wo sich in ihrer Klasse oder ihrem sozialem Umfeld Hilferufe auftun und solidarisches Handeln gelebt werden kann, das von Mut machen, unterstützen bei Aufgaben, Einkäufe tätigen bis hin zu genauem Zuhören, wenn Mitschülerinnen mit ihrer Familie in existenzielle Nöte geraten, dem Berichten von Aktionen, dem Beraten mit den Lehrerinnen reichen kann.
  3. dass vieles von dem, was im öffentlichen Diskurs unter Nächstenliebe und Solidarität gefasst wird, als Gegenteil entlarvt werden kann.

Wenn Solidarität in Egoismus kippt

Nächstenliebe und Solidaritätsforderungen, die sich auf das engere soziale Umfeld oder auf das Land beschränken, sind oftmals nichts anderes als ein erweiterter Egoismus: Familien- oder Nationalegoismus, die anderen Nächstenliebe verweigern.

In einer Welt, in der derzeit so klar wie selten zuvor sichtbar wird, wie global vernetzt und damit auch abhängig wir voneinander sind, bleibt die Frage nach globalen Formen von Nächstenliebe und Solidarität eine drängende. Die nächsten Generationen werden uns die Frage nicht ersparen, warum wir in Europa die eigene Idee eines solidarischen Europas in der Krise nicht durchgehalten haben und sie werden uns darauf hinweisen, dass wir diese Haltung bereits davor im Umgang mit geflüchteten Menschen eingeübt haben. Nationalegoismen haben die Idee verraten und damit an den Grundfesten der europäischen Aufklärung, dem Humanismus und den Menschenrechten gerüttelt.

Das für nach der Krise suggestiv beschworene Bewusstsein von Nächstenliebe und Solidarität wird sich nicht von selbst einstellen, die gemachten Erfahrungen werden sich nicht automatisch ins weitere Leben integrieren lassen. Sie können aber eine gute Basis dafür abgeben, um über gezielte Reflexionsprozesse, wie sie (religiöse) Bildungsprozesse charakterisieren (sollen), bewusst im Leben verankert zu werden. Begleitende Bildungsangebote während und nach der Krise werden wesentlich darüber entscheiden, ob religiöser Bildung Relevanz zugedacht wird oder nicht – und dies über die Grenzen von Schule hinaus.

Autorin: Andrea Lehner-Hartmann

Beitragsbild: pexels

2 Kommentare zu „ReIigionsunterricht aktuell: Gefordert? Überfordert? Relevant? (Andrea Lehner-Hartmann)

  1. Danke für den klaren und ermutigenden Text!

    Nicht nur unsere Schüler*innen finden sich in dieser Zeit der Erfahrung von Beschränkung und Unverfügbarkeit mit unter Umständen drängenden Fragen konfrontiert, die sich leiser oder lauter Gehör verschaffen. Fragen wie schon im Artikel genannt bis hin zu den großen Fragen nach dem „Woher?“ und „Wohin?“ des Lebens, des eigenen Lebens, Auch uns Lehrer*innen ist eine Zeit geschenkt – vielleicht ein Kairos? – in der wir erfahren und anerkennen können, dass wir oft keine abschließenden Antworten haben, ja, sich manch vermeintlich sichere Antwort bei genauerem Hinsehen als vorläufig erweist und es nötig ist, neu hinzuhören, sich den Fragen auszusetzten. Vielleicht ist Mut gefordert.

    Frau Prof. Lehner-Hartmann schlägt vor, dass sich „SchülerInnen und LehrerInnen gemeinsam auf den Weg machen“. Hier ist eine Grundhaltung angesprochen, die einzuüben ist, um in die Zeit nach der Krise mitgenommen werden zu können.
    Nicht nur religiöse Bildungprozesse haben in der uns allen gemeinsame Begabung zu Offenheit eine lebendige Quelle. Die bleibende Relevanz, ja Not-wendigkeit von religöser Bildung im Sinne eines Lernraumes für differenzierte Wahrnehmung, Reflexion, Perspektivenlernen und handlungsrelevantem Wissen erschließt sich hier klar, wie ich meine.

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  2. „[…] Schüler*innen ein Forum zu bieten, wo sie den relevanten Fragestellungen, die sich angesichts der Krise auftun, anhand von qualitätsvoll ausgewählten oder erstellten Unterlagen nachgehen können, wo sie sich mit ihren Sorgen angesprochen und verstanden fühlen, wo sie sich angestoßen durch die eingespielten Impulse den existenziellen Fragen stellen lernen und stellen trauen und wo sie mit anderen darüber in Austausch treten können.“

    Vielleicht ist dazu folgendes Angebot hilfreich, Einsamkeit zu thematisieren. Ich habe den enthaltenen Film jedenfalls schon recht anregend im Klassenzimmer-Chatraum mit Zwölftklässler*innen diskutiert. Der sechsseitige Lenweg eignet sich auch für die individuelle Erschließung

    https://blogs.rpi-virtuell.de/h5pdev/2020/04/04/einsamkeit/

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