Kirchenentwicklung durch Corona? Erfahrungen in der „Kirche am See“ (Viera Pirker)

Corona hat den Alltag in den Pfarreien und Gemeinden stark verändert. Ralf Gührer ist leitender Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Wasserburg, die im Bistum Augsburg direkt am Bodensee liegt. Er erlebt diese Zeit als eine geistliche Herausforderung, in der sich Raum für neue Ideen und Engagement öffnet, real und digital. Viera Pirker hat seine Erfahrungen notiert – als Hintergrund und Beitrag zur CONTOC-Studie, bei der sie für die Beteiligung der deutschen Diözesen kooptiert ist. Zwei Videos finden sich am Ende des Beitrags.

Wie wohl alle, haben wir in unserer Pfarreiengemeinschaft eine intensive Zeit hinter uns. Die Zeit ohne Gottesdienste und Gemeindeleben hat den liturgischen und spirituellen Alltag in der „Kirche am See“ verändert. Durch die Schließungen und Versammlungsverbote standen wir vor Ostern auf einem existenziellen Prüfstand. Doch die Menschen – auch die Hauptamtlichen – sind in dieser Zeit liturgisch und spirituell wach gerüttelt worden, sind teilweise durch tiefgreifende, geistliche Herausforderungen gegangen. Es war eine schwierige Erfahrung, die uns sensibler gemacht hat. Das wollen wir beibehalten. Tief getroffen hat uns der tragische Tod eines Geistlichen, der zum Ruhestand in unsere Pfarrei gezogen ist und bereits vor Ostern mit einem schweren Verlauf an Corona verstorben ist. Er ist der „tanzende Pfarrer“, den die ZEIT kürzlich in ihrem Dossier zu den „Namen hinter den Zahlen“ porträtiert hat.

Feste, Feiern, Liturgie

Ostern haben wir sehr offen angeboten – das Osterlicht zum Mitnehmen beim Supermarkt, offene Kirchen, aber keine Gottesdienste. Wir haben die Menschen stattdessen ermutigt, den familiären Raum zu nutzen und dort eigenständig liturgische Elemente zu erproben, dafür haben wir Materialien angeboten. Viele haben das aktiv umgesetzt und wichtige österliche Erfahrungen gemacht. Der Ausfall der Erstkommunion war natürlich für die Kinder und Familien schwer. Etwa die Hälfte der Kinder hat sich jetzt dafür entschieden, im kleinsten Rahmen zu feiern; manche warten lieber auf den Herbst, wenn sie vielleicht mit mehr Menschen zusammen sein dürfen. Wir feiern jetzt also mehrmals, an verschiedenen Tagen, zu verschiedenen Uhrzeiten – mit zwei bis drei Kindern und ihren engen Familien, eher rasch, aber ganz exklusiv. Ob eine Begegnung gelingt, ist Schicksal – Menschen können sich darauf vorbereiten, ein Fest planen, aber oft hängt es an etwas ganz anderem, warum eine Begegnung gelingt oder nicht. Das ist das Thema der Feiern jetzt: Wir unterstützen die Kinder dabei, dass sie sich auf die Begegnung mit Jesus einfinden können. Das Fest der Erstkommunion dreht sich eigentlich um diese Begegnung, nicht um die große Familienfeier außen herum! In unsere Hochzeitskirche am See haben alle Paare die Termine ins nächste Jahr verschoben. Die wollten auf keinen Fall alleine feiern. Die gebuchten Restaurants und Locations geraten bereits in Insolvenz – die Kirche wird wohl noch bestehen, urkundlich existiert sie seit dem Jahr 784.

Gottesdienst wie immer?
– noch lange nicht!

Wir sind gar nicht so glücklich über die inzwischen mögliche Öffnung der Gottesdienste. Menschen zählen, in Listen schreiben – das fällt uns schwer, aber wir machen es jetzt, so gut wir können. Mir ist es wichtig, klare Konzepte zu gestalten, die barrierefrei sind, in dem Sinne, dass sie unmittelbar einleuchten. Wir wollen, dass sich die Menschen im Gottesdienst sicher fühlen. Wir halten uns an das Wort von Bischof Bertram, dass wir zurückhaltend agieren, nicht nur auf die Eucharistie setzen, und auch andere Feiern ermöglichen. Wir gehen kleine Schritte, wollen Erfahrungen sammeln, diese nutzen und entfalten. Manchen geht das zu langsam, sie wollen schon wieder Normalität – aber ich würde es mir nicht verzeihen, wenn in unserer Pfarrei ein Gottesdienst zur Ausbreitung der Krankheit beiträgt, die auch hier Menschen Leid und Tod gebracht hat.

Ministrantenfamilien

Als leitender Pfarrer in drei Pfarreien entdecke ich zur Zeit neu, welche Kompetenzen in unseren Gemeinden schlummern. Wir haben die Anzahl der Gottesdienste erweitert, sie werden von Laien als Wortgottesdienst, von mir als Eucharistie gefeiert. Wir sorgen jetzt extra für schöne Musik, Harfe, Geige, Orgel: Das saugen die Menschen regelrecht auf, und Musiker*innen freuen sich über ein Engagment. Kinder und Jugendliche haben bei uns immer eine wichtige Rolle in der Liturgie, darauf wollten wir auf keinen Fall verzichten. Aber das Abstandsgebot ist im Altarraum eine echte Herausforderung! In unseren Kirchorten gestalten jetzt Familien von Ministrant*innen den Gottesdienst aktiv mit. Ich selbst stehe hinten und am Altar; alles was vorne am Ambo geschieht – die Lesungen, die Fürbitten, die Kerzen, übernehmen die Familien. Die sehen es als Projekt, sie sind sehr aktiv und auch froh, diese Verantwortung übernehmen zu können. Sie müssen untereinander keinen Abstand halten, und es tut uns allen gut, ihre Nähe zu sehen! Die Familien können sich selbst als geistliche Gruppe zeigen und wirken; die Kinder zeigen den Eltern, wie etwas geht, und manche Eltern erinnern sich selbst an liturgische Aufgaben.

Eine andere Form der Actuosa Participatio haben wir für die Krankenkommunion entwickelt. Die Hausbesuche bei Schwerstkranken und die kleinen liturgischen Feiern sind ein wichtiger Dienst, aber ich darf die Häuser nicht mehr betreten. Ich leite jetzt die Familien an, die mit den Kranken und Sterbenden im Haus leben, dass sie die Feier selbst gestalten können und die Kommunion überreichen. Ich bringe die Hostie und liefere einen Vorschlag fürs Gebet in Papierform mit. Eine alte Frau hat so ihrem Mann die Kommunion gereicht – sie hat sich dies erst nicht zugetraut, aber mit dem Zuspruch und der Unterstützung hat sie sich sicher gefühlt – und beide waren so glücklich, dass sie diese intime Erfahrung teilen konnten, sich auch nochmal neu erlebt haben. Mir geht es darum, Menschen geistig zu begleiten, so dass sie sich selbst als liturgisch und spirituell kompetent erfahren können. Wir erleben hier Gemeindeentwicklung, ganz ohne dass wir jetzt einen Prozess angegangen haben.

Geistliche Herausforderung

Ich habe viele Kontakte mit Seelsorger*innen rundum. Manche sind in ein richtiges Loch gefallen. In den Gemeinden sind wir alle sehr ins Leben vieler Menschen integriert. Den einen fehlt seit Mitte März regelrecht die Bühne, auf der sie wirken können; sie stellen die Sinnfrage für ihren Beruf. Andere entdecken jetzt ihre Spiritualität neu. Es ist ja verrückt, in einem geistlichen Beruf zu leben: Das immerwährende, ständige Geben, das Erzeugen von religiösen Erfahrungsräumen für andere Menschen verstopft bei vielen die Achtsamkeit für die eigenen spirituellen Quellen. In der Theorie wissen wir das natürlich, aber jetzt haben es viele wirklich gespürt. Mit einem Schlag war der Terminkalender leer: Corona wurde für religiös sensible Menschen zu einem Exerzitium, einer geistlichen Übung, die dazu gezwungen hat, das eigene Leben und Erleben zu reflektieren. Der Geist kann auch in der Isolation wirken und strahlen.

Spirituelle Impulse durchs Smartphone

Ich selbst habe gleich zu Beginn des Gottesdienst-Verbotes einen kreativen Umgang gesucht, wie ich mit Menschen in Kontakt bleiben, im Gebet bleiben, ihnen auch Mut zusprechen kann. Eine Eucharistiefeier zu streamen, kam für mich nicht in Frage. Die Gemeinschaft fehlt zu sehr, den Blick in die leere Kirche beim Zelebrieren erlebe ich als verstörend. Ich habe damit begonnen, kurze Videos zu drehen, die ich mit dem Smartphone bei uns in den Kirchen und bei uns in der Region aufnehme. Eine Minute, anderthalb maximal. In den Videos ist ein stehendes Bild zu sehen, niemals ich als Person. Zum Video spreche ich mal ein Gebet, mal einen kurzen geistlichen Text, ich lese einen Liedtext aus dem Gotteslob oder spreche einen Segen. Hin und wieder formuliere ich auch einen eigenen Gedanken, aber meistens greife ich hinaus in den vorhandenen Schatz unserer Tradition. Diese Videos schicke ich auf meinen üblichen Kanälen – Messenger oder E-Mail – an die Menschen, mit denen ich ohnehin in direktem Kontakt stehe in der Gemeinde und darüber hinaus. Also beispielsweise die Gemeindereferentin, die Leiter*innen der Kindergruppen, die Oberministranten, auch der Bürgermeister – und alle, die es haben wollen. Sie alle schicken die Videos einfach im Schneeballsystem weiter an Menschen, oder auch an ihre Gruppen, mit denen sie ihrerseits in Kontakt sind. Das Interessante ist: Auch in der Zeit, in der nichts gemeinsam gemacht werden konnte, sind wir dadurch näher zusammengerückt. Seit wir diese winzigen Sequenzen verteilen, hat sich in unserer Gemeinde viel verändert. Die Menschen entdecken ihre eigene Region und Religion neu, sie erhalten Impulse, die ich sonst vielleicht einmal im Gottesdienst integriert hatte, auf einem Weg, der ihnen selbst nahe liegt. Die Idee ist, innerhalb vom Smartphone zu bleiben, gar nicht woanders hin zu wechseln. Das Smartphone ist ja auch aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken. In diesen intimen Raum kommt jetzt ein persönlicher Zuspruch. Die Videos erhalten eine erstaunliche Resonanz. Sie werden auch direkt in die Familien und deren eigene Rituale integriert. Viele Menschen haben es verlernt, solche Rituale selbst zu praktizieren, obwohl die so wesentlich sind. Eine Mutter sagte: „Ich kann das gar nicht, mit meiner Familie beten. Aber wir legen jetzt das Telefon in die Mitte, und spielen das Video ab, auf dem unser Pfarrer spricht, und das ist wie ein gemeinsames Gebet.“

Das Hohelied der Liebe

Ein Wort, das zurückkehrt

Ich war immer sehr zurückhaltend mit digitalen Medien, weil ich den Vorrang des ästhetischen und direkten Kontakts, auch von unmittelbarer Aussetzung sehe. Doch ich habe hier neue Möglichkeiten entdeckt. Beispielsweise hatte ich einen kurzen Impuls zum Evangelisten Markus versendet. Es ist das Patrozinium einer unserer Kirchen: natürlich erzähle ich jedes Jahr über den Apostel, doch normalerweise sitzen da 30 Menschen und hören halb zu, halb weg. Jetzt mache ich die Erfahrung, dass das kleine Video 600 Personen in der Gemeinde erreicht, und Menschen sprechen mich darauf an, fragen nach, entdecken Neues. Natürlich genieße ich auch die Erfahrung, dass mein Wort auf einmal viel mehr Menschen erreicht, obwohl es nur so eine kleine Variante ist. Ich habe keinen YouTube-Kanal, sondern lasse das Wort einfach frei. Jemand stellt die Videos auch auf Instagram. Das ganze geschieht ohne Impressum, es darf sich einfach verbreiten. Manches kommt dann wieder zu mir zurück. Jemand, weit weg, hat meine Stimme erkannt und hat angerufen. Von Wort zu Wort – und wieder zurück.

Das Lied der Widerstandsgruppe „DIe Weiße Rose“

Fotos und Videos von Ralf Gührer

Pfarreiengemeinschaft Wasserburg – die „Kirche am See

Auch auf Theocare: Johann Pock moderiert die österreichische Beteiligung an der CONTOC-Studie

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