„Mit Herz, Hirn und Hand“ – Rabbinisches zu Bildung in Zeiten von (Post)Corona (Florian Mayrhofer)

Die langsame Rückkehr der Schüler*innen in die Schule und die Auseinandersetzung darüber, was nun wann und wie gelernt werden soll – und was nicht – wirft angesichts der Regelungen von Covid-19 Fragen nach dem Verständnis von Bildung und Lernen auf. Florian Mayrhofer greift einige dieser Fragen für den (Religions)Unterricht auf und bringt sie in Dialog mit dem reichhaltigen Schatz der rabbinischen Tradition.

Was fehlt, wenn Wesentliches fehlt

Der Religionsunterricht musste sich – wie alle anderen Unterrichtsfächer– in den vergangenen Wochen starken Veränderungen und Regulierungen anpassen. Auch in den Rückmeldungen zahlreicher Religionslehrer*innen kam immer wieder zur Sprache, dass einem Religionsunterricht im ‚Remote-Modus‘ Wesentliches fehle, nämlich „Beziehung“, die Gelegenheiten für „Gespräch und Diskussion“, der „Austausch“ und die „Gemeinschaft“. Nicht umsonst beklagten einige Religionslehrer*innen, dass der Unterricht zu einem „Abarbeiten von Aufträgen“ verkomme und „faktenlastiger“ geworden sei. Doch ein rein auf Fakten basierter Unterricht hat per se noch nicht viel mit Bildung zu tun. „Aus der reinen Bearbeitung von Arbeitsblättern lernt man zwar gewisse Dinge, ein vertieftes Verständnis ist allerdings schwierig“, so ein Religionslehrer. Einer solchen verstandenen Bildung fehlt es dann schlichtweg an Tiefe und führt letztlich zu reiner Reproduktionsleistung ‚kalter‘ Fakten. Eine Religionslehrerin formulierte daher überspitzt: der Unterricht sei „wie tot“.

Jeder Zeit ihre Bildung…

Jede Zeit, jede Veränderung bringt einen Wandel im jeweiligen Bildungsverständnis mit sich, denn ein statisch verharrendes Selbst- und Weltverhältnis des Menschen käme nicht nur einem Anachronismus gleich, sondern fände letztendlich auch nicht mehr geeignete Antworten auf brennende Fragen der jeweiligen Gegenwart. Bildung ist nie neutral, sondern stets verbunden mit bestimmten Perspektiven auf die Welt. Ein allzu kulturpessimistisches Urteil, das ein klassisch-humanistisches Bildungsideal – verquickt mit einem bürgerlichen Habitus – überhöht, wäre daher genauso wenig zukunftsweisend wie ein affirmativer, verklärender Gestus, der allem Vergangenen seine Berechtigung entziehen will und das Heil in digitaler Bildung kommen sieht. Das plakative Ausspielen von Wissen versus Kompetenz würde dem genauso wenig gerecht werden wie die Aushebelung von Fakten durch Beziehung. Die Diskussion im Anschluss an die Veröffentlichung des Etappenplans zur Aktivierung des Schulbetriebs des BMBWF, was nun wie und warum (wieder) unterrichtet werden darf/soll und was nicht (Bewegung und Sport findet nicht statt, Musikunterricht wird plötzlich nur durch musiktheoretische Inhalte legitimiert etc.), macht dies deutlich. Sie ist ein schillerndes Blitzlicht einer langjährigen Entwicklung, die sich an den Grundfragen Bildung versus Ausbildung, der Verwertbarkeit von Bildung, die Diskussion um Haupt- versus Nebenfächer und ihrer Wertigkeit festmachen lässt. Nach der schnellen Schließung des Schulbetriebs im März, der notwendigen Adaption aller Beteiligten an die neue Situation und der langsamen Öffnung der Schulen in Österreich, sollten wir uns nun dringend Gedanken machen, welche Art von Bildung wir in Zukunft wollen. Andrea Lehner-Hartmann erkennt dies als Kairos für einen Schritt in eine ‚neue‘ Schule, der aktiv ergriffen werden sollte.

… jeder Zukunft ihre Vergangenheit

Wie allerdings nachdenken über Bildung in Zeiten von und nach Corona? Ein Religionslehrer fasste dies treffend zusammen: „Gerade Religionsunterricht kann […] stark aufzeigen, dass es sinnvoll ist, die Schüler*innen ganzheitlich zu sehen und dass ‚Herz, Hirn und Hand‘ zusammen agieren sollten.“ Ein solches ganzheitliches Verständnis von Bildung schließt an das Bildungsverständnis der reichen rabbinischen Tradition an, zu dem Gerhard Langer (Institut für Judaistik) seine Antrittsvorlesung gehalten hat. Für den Blick in die Zukunft post coronam lohnt der Blick in den reichhaltigen Schatz des rabbinische Judentums, das von uns neu entdeckt werden will – mit Herz, mit Hirn und mit Hand.

Bildung mit Herz

Der derzeitige Lernalltag ist davon geprägt, dass Schüler*innen und Studierende allein zuhause sitzen und Arbeitsaufträge oder Lektüreaufgaben erledigen. Sehr rasch wurde vielen jedoch bewusst: Bildung lebt von Austausch, lebt von Gespräch, lebt von Diskussion und von Beziehung. Der Autodidakt wurde in der rabbinischen Tradition jedoch von jeher kritisch beäugt, ja er war quasi per definitionem zum Scheitern verurteilt:

„Rabba bar bar Chana sagte: Warum werden die Worte der Tora mit Feuer verglichen, wie es heißt: ‚Ist nicht mein Wort wie Feuer‘ (Jer 23,29)? Um dir zu erläutern, dass so wie Feuer nie allein brennt, auch die Worte der Tora sich nicht bei einem halten, der allein studiert. Das stimmt mit der Meinung R. Jose b. Chaninas überein, der sagte: Was bedeutet: ‚Das Schwert über die Alleinigen, sie werden zu Narren!‘ (Jer 50,36)? Das bedeutet, dass Zerstörung über die Feinde (euphemistisch: sie selbst) jener Gelehrten kommt, die sich dem Privatstudium verschreiben, mehr noch, sie verdummen, wie es heißt: ‚sie werden zu Narren.‘“ (bTaanit 7a)

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Denken und Verstehen der anderen wird letztendlich nur im aktiven Austausch möglich, in der Beziehung zum anderen und in der Gemeinschaft der Lernenden. Bildung ist auf andere angewiesen und kann nur bedingt über digitale Kanäle erfolgen. Aus der Not heraus wurden viele großartige Initiativen und Lernformate entwickelt. Trotzdem darf der analoge Austausch im gemeinsamen Gespräch nicht zu kurz kommen. Dabei lernen im Übrigen nicht nur die Schwächeren von den Begabteren, sondern auch umgekehrt. Auch die Lehrenden lernen viel von den Lernenden:

„Ich lernte viel von meinen Lehrern, mehr von meinen Kollegen und am meisten von allen von meinen Schülern.“ (bTaanit 7a)

Bildung mit Hirn

Unerlässlich ist der rabbinischen Tradition die Auseinandersetzung in vielen Diskussionen und Streitgesprächen, die über Jahrhunderte geführt wurden und werden. Dabei sollten die Schüler lernen, unterschiedliche Meinungen auseinanderzuhalten, Mehrheits- und Minderheitspositionen zu berücksichtigen und insgesamt mit äußerster Sorgfalt zu studieren. Mit Blick auf die Frage der Verwertbarkeit sollten sie ihre Aufmerksamkeit beim Lernen und den Inhalten nicht zu sehr auf den jeweiligen Moment konzentrieren, da dies nur dazu verleite, im Jetzt und später falsche Entscheidungen zu treffen. Der offene Austausch und Streit, die Abwägung der einzelnen Argumente, das Bedenken möglicher Konsequenzen die über den immer beschränkten, eigenen Bereich hinausgehen erscheinen gerade heute umso wichtiger, sehen wir uns mit einer Welt konfrontiert, die vielfach Dinge vorschnell zur Disposition stellt und zugleich versucht sie zu vereindeutigen, wodurch uns selbst die Möglichkeit genommen wird, eine alternative Welt in ihrer Vieldeutigkeit zu denken und umzusetzen. Das Ideal des Lernens in der rabbinischen Tradition ist auch geprägt durch lautes Sprechen, beständiges Wiederholen und heftige Diskussion. Dabei werden Körper und Geist zugleich einbezogen. Digitales Lernen tendiert dazu, die körperliche Komponente des Lernens und Bildung zu übersehen. Das laute Aussprechen gibt dem Lernstoff Klang und Kontur, macht ihn quasi begreifbar und trägt dazu bei, dass er verwirklicht wird. Das beständige Wiederholen – sowohl im Gespräch, also auch beim eigenständigen Studium – hat nicht nur laut zu erfolgen, da sonst das Vergessen, selbst bei überaus gelehrten Rabbis, droht, sondern erfolgt in zwei Schritten: Zum einen braucht Lernen die Phasen des Studierens, d. h. eine Erarbeitung des Stoffes, das Wiederholen des Gegenstandes, der Frage etc. und zum anderen eine Phase des Verarbeitens und gerade dies braucht Zeit, Zeit um den Stoff wirken zu lassen. Im Sog schnelllebiger digitaler Lernformate stehen wir hier in der Gefahr, auf diese Zeit der Verarbeitung zu vergessen. Die vielfach beschworene Entschleunigung soll hier nicht hochstilisiert werden, aber: Zu schnell geraten wir in die Versuchung, vom einen zum nächsten zu klicken, denn Zeit ist ein kostbares Gut in einer beschleunigten Welt:

„Und Raba sagt [in Bezug auf diesen Vers]: Eine Person muss immer die Weisung studieren [und sich ein breites Wissen von ihr erarbeiten] und [nur] dann [soll sie sie ] analysieren [und in sie eintauchen]. So wie es heißt: “[und Freude hat] an der Weisung des Herrn” (Ps 1,2), [d. h., dass sie die Weisung auf niedriger Stufe studiert] und [nur] danach [sagt der Vers]: “Und über seine Weisung nachsinnt” [z. B. sie analysiert].“ (bAvoda Zara19a)

Wissen und Fakten sind daher für Bildung genauso wichtig, wie die (zeitintensive) Vertiefung und Anwendung dieses Wissens, was heute zumeist mit dem Schlagwort ‚Kompetenz‘ umschrieben wird. Beides lässt sich nicht voneinander trennen und ist stets aufeinander verwiesen. Gerade die Situation digitalen Lernens extrapoliert die Herausausforderung, vor der Lehrer*innen tagtäglich stehen: Welches Wissen sollen/wollen Schüler*innen sich aneignen und welche Kompetenzen sollen/wollen sie damit zu welchem Ziel erwerben?

Bildung mit Hand

„Mit Herz, Hirn und Hand“ drückt das aus, was dem rabbinischen Bildungsverständnis zutiefst eingeschrieben ist. Das Studium der Tora, der Weisung, ist kein Selbstzweck, sondern verweist immer auf eine solidarische Praxis. Dies beginnt bereits beim Umgang der Schüler eines Rabbi untereinander, welche sich den Schlafraum teilten, gemeinsam aßen und tranken und sich im Fall von Krankheit unterstützten. Diese enge Verbindung von Studium und solidarischer Praxis schildert eine Stelle des babylonischen Talmuds besonders prägnant:

„R. Chama b. R. Chanina sagte: Was bedeutet der Vers: ‚Ihr sollt dem Herrn, eurem Gott, nachfolgen […] (Dtn 13,5)? Wie kann denn ein Mensch dem Herrn nachfolgen, heißt es denn nicht: ‚Denn JHWH, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer‘ (Dtn 4,24)?
Folge vielmehr den Eigenschaften des Heiligen, gepriesen sei er, (die da sind):
Er bekleidete die Nackten, wie es heißt: ‚Gott, JHWH, machte Adam und seiner Frau [Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit]‘ (Gen 3,21), so bekleide auch du die Nackten.
Der Heilige, gepriesen sei er, besuchte die Kranken, wie es heißt: ‚Der Herr erschien (dem frisch beschnittenen) Abraham bei den Eichen von Mamre‘ (Gen 18,1), so besuche auch du die Kranken.
Der Heilige, gepriesen sei er, tröstet die Trauernden, wie es heißt: ‚Nach dem Tod Abrahams segnete Gott seinen Sohn Isaak‘ (Gen 25,11) – dies lehrt, dass er ihn mit dem Segen für die Trauernden segnete. So tröste auch du die Trauernden.
Der Heilige, gepriesen sei er, begrub die Toten, wie es heißt: ‚Man begrub ihn (Mose) im Tal‘ (Dtn 34,6). So begrab auch du die Toten.
[…]
R. Simlai legte aus: Am Anfang der Tora standen Taten der Liebe und am Ende der Tora stehen Taten der Liebe.“ (bSota 14a)

Bildung ist zuinnerst verbunden mit einem praktischen, ethisch-solidarischen Moment – aufmerksamen Leser*innen werden die klaren Anklänge an die Stelle im Matthäusevangelium Kap. 25 nicht entgangen sein. Wenn heute die Rede davon ist, dass schulisches Lernen Kompetenzen vermitteln soll, wird sich dies, angesichts eines auf Solidarität abzielenden Bildungsverständnisses, im schulischen Alltag nur schwer überprüfen lassen. An dieser Stelle überschreitet Bildung alle Grenzen und Zwänge einer (Aus)Bildungsgesellschaft, die sich durch die Fülle an Zeugnissen, Bescheinigungen und Diplomen auszeichnet.

Mit Herz, Hirn und Hand in die Zukunft!

Bildung ist niemals neutral. Angesichts der noch nicht abschätzbaren Folgen von Corona und des enormen Digitalisierungsschubs in unserem Schul- und Bildungssystem, ist es erforderlich die Frage zu stellen, welche Wertvorstellungen und Weltanschauungen ihnen eingelagert werden und wo u.a. geisteswissenschaftliche, kulturell-künstlerische und theologische Perspektiven notwendig sind. Denn Digitalisierung ist nicht neutral. In ihr verbirgt sich oft ein tief ökonomisches, mechanistisches und technisierendes Weltverständnis und die damit verbundenen Wertigkeiten. Umfassende Bildung weist darüber allerdings weit hinaus, ist eben mehr als eine schier endlose Ansammlung von Fakten, mehr als Fixierung auf Anwendung im Jetzt. Es braucht daher deutlicher denn je eine (religiöse) Bildung, die die ‚Gabe der Unterscheidung der Geister‘ lehrt, die vorschnelle Heilsversprechen einer ökonomischen, mechanistischen oder technisierenden Zukunft entlarvt, sich aktiv einmischt und an der digitalen Zukunft mitarbeitet und in ihr handelt mit Herz, Hirn und Hand. Hier kann und muss (auch) der Religionsunterricht seinen unverzichtbaren Beitrag leisten. (Religiöse) Bildung kann und soll sich dabei vom rabbinisch-jüdischen Erbe inspirieren lassen.

Autor: Florian Mayrhofer

Literatur:

  • Gerhard Langer: Menschen-Bildung. Rabbinisches zu Lernen und Lehren jenseits von Pisa. Wien: Böhlau 2012.
  • Talmud-Online [EN/HEB]: https://www.sefaria.org/?home

Bildquelle: Борис Крупник from Pixabay

Ein Kommentar zu “„Mit Herz, Hirn und Hand“ – Rabbinisches zu Bildung in Zeiten von (Post)Corona (Florian Mayrhofer)

  1. Liebe theocare-Macher*innen,

    vielen Dank für die täglich sehr interessanten Beiträge!

    Kommt auch mal was aus Islam, Buddhismus usw.?

    Die österreichischen Muslim*innen und Buddhist*innen haben sich doch sicher auch mit Corona beschäftigt.

    Herzlich

    Udo Tworuschka.

    Übrigens: Zu Eurem Thema „Not lehrt beten“ gab es einmal vor einiger Zeit eine empirische Studie, die hätte berücksichtigt werden sollen/ können:

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